Interview mit Reformations-Experten: "Alleine gegenüber den Autoritäten der Welt"

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Prof. Heinz Schilling

Fritzlar. Die Reformation hat die ganze Welt verändert, und spielt nicht nur für Protestanten eine Rolle. Das sagt der Berliner Historiker Professor Heinz Schilling, Verfasser des Buchs „Martin Luther: Rebell in einer Zeit des Umbruchs". Er referiert kommende Woche in der Fritzlarer Stadtkirche.

Wir sprachen im Vorfeld des Vortrags mit dem Reformations-Experten aus Berlin.

Herr Professor Schilling, wie würden wir heute leben, wenn es die Reformation nicht gegeben hätte? 

Prof. Heinz Schilling: Das ist die 500.000-Euro Frage. Manche Entwicklungsstränge wären auch ohne die Reformation durchgelaufen.

Die Reformation hat einen Differenzierungsschub beschleunigt und in den Kern der damaligen lateinisch-christlichen Zivilisation vorangetrieben: die Differenzierung der Kirche und der Religion. Seitdem gibt es das, was die europäische Kultur bis heute ausmacht: Es gab immer eine Alternative; zur römisch-katholischen Kirche, innerhalb des Protestantismus bis hin zur Möglichkeit des Nichtglauben.

Sie sagen, die Reformation habe eine Bedeutung für die ganze Welt. Wie kann man sich den Umbruch vor 500 Jahren vorstellen? 

Schilling: Die Weltwirkung der Reformation ergibt sich daraus, dass religiöse Entwicklungen und Entscheidungen immer gleich auch politische, kulturelle und sogar ökonomische sind. Man könnte auch sagen, dass die Idee der Einheitlichkeit nicht mehr das Konzept ist.

Sie plädieren dafür, dass auch die dunklen Seiten von Martin Luther nicht ausgespart werden dürfen. Welche dunklen Seiten meinen Sie?

Schilling: Zuerst muss man die großartigen Leistungen und die Charakterstärke dieses Mannes würdigen. Er stand alleine gegenüber den Autoritäten der Welt.

Und die dunklen Aspekte? 

Schilling: Diesem Charakter haften notwendigerweise auch negative Seiten an. Er hat sich selbst als „Gewaltgärtner“ dargestellt, der die Schneisen durch das Unterholz schlagen muss. Dabei sind Verletzungen entstanden, die man benennen muss. Es gab sie gegenüber den nicht-lutherischen Christen, ganz extrem dem Papsttum gegenüber - „die Sau in Rom“ war noch harmlos - und den Juden gegenüber.

Das ist für uns heute ganz schmerzlich. Seine Reformation war nur möglich durch diese uns heute dunkel, ja geradezu satanisch erscheinenden Seiten. Alles, was nicht von seinem Geist war, war für ihn vom Teufel.

In unserer Region prägten andere Gestalten die Reformation, etwa Philipp der Großmütige in der Homberger Synode. Kommen die Reformatoren neben Luther beim Jubiläum nicht zu kurz? 

Schilling: Ihrem Philipp dem Großmütigen habe ich ein amüsantes Kapitel in meiner Luther-Biografie gewidmet. Er hat den armen Luther in die Bredouille gebracht, in dem er seine doppelte Ehe legitimieren ließ. Auf der politischen Schiene hat Philipp aber viel für die Reformation getan.

In der Ziegenhainer Zuchtordnung wurde die Grundlage für die Konfirmation gelegt, die bis heute besteht. Welche Bedeutung hatte dieser Beschluss für die Reformation? 

Schilling: Sie war ein stärker reformiert geprägter Zug der hessischen Kirche. Für Luther ist die Kirchenzucht stärker vom Pastor ausgehend geregelt, bei den Reformierten ist sie einer Institution übergeben. Die Ziegenhainer Zuchtordnung liegt irgendwo in der Mitte zwischen Calvin und Luther.

Wie werden Sie persönlich das Reformationsjubiläum feiern?

Schilling: Ich werde es nicht als großes Jubel- und Trubelfest feiern. In Wittenberg wird ja wahnsinnig viel los sein, es wird ein Riesenfest geben.

Wichtiger wäre es für mich, das Ereignis in seiner Bedeutung in der damaligen Welt und in der Entwicklung hin zu unserer heutigen sachgerecht zu reflektieren.

• Vortrag: Donnerstag, 3. Juli, 19 Uhr, Evangelische Stadtkirche in Fritzlar: Luther (und die Reformation) 1517 bis 2017. 

Von Olaf Dellit

Quelle: HNA

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