Wilhelm Gerhardt - Der Macher von Niederelsungen 

Sie gibt ihm Halt: Wilhelm Gerhardt hatte immer viel zu tun und zu organisieren. Bei seiner Frau Herta kann er entspannen. „Sie ist mein Ruhepol“, sagt er. Foto: Auel

Niederelsungen. Seine Hände sind nicht mehr die Kräftigsten. Sie zittern ein wenig, als Wilhelm Gerhardt den dicken, blauen Ordner aus der Schrankwand in seinem Wohnzimmer hervorholt. Ein Porträt über einen Mann, der der Macher seines Dorfes ist.

Zwischen den zwei Pappdeckeln bewahrt Gerhardt Papiere auf, die ihm wichtig sind. Persönliche Erinnerungsstücke wie alte Zeitungsartikel liegen dicht an dicht mit historischen Dokumenten seines Heimatdorfes. Der Aktenordner hat Symbolcharakter.

Das Leben des 89-Jährigen und die Geschichte von Niederelsungen sind viel zu eng verbunden, als dass man sie getrennt betrachten könnte. Ab 1952 war Gerhardt fast 20 Jahre Bürgermeister des Dorfes. Nach der Gebietsreform war er 18 Jahre Ortsvorsteher. Er spielte auf der Waldbühne, dirigierte den gemischten Chor, engagierte sich im Vdk, gründete den Heimat und Verkehrsverein, schlichtete als Schiedsmann Streitigkeiten.

„Unsere Kühe haben meinen Mann gar nicht gekannt. Er war immer unterwegs, hatte fast nie Zeit, in den Stall zu gehen“, sagt Gerhardts Ehefrau Herta. Der Spruch, dass hinter jedem starken Mann eine starke Frau steht, findet bei Gerhardts seine Bestätigung. Ihr rastloser Ehemann fand bei Herta Gerhardt die Zeit zum Verschnaufen, die ihm sonst fehlte. „Sie ist mein Ruhepol“, sagt er.

Wilhelm Gerhardt war ein Pragmatiker, ein Organisierer, ein Macher. Relativ nüchtern berichtet er, wie er in den Nachkriegsjahren die Zukunft seines Dorfes mitgestaltet hat. Nur als er in seinem Ordner die alte Kostenaufstellung für das neue Dorfgemeinschaftshaus von Niederelsungen findet und berichtet, wie viel Geld er damals dafür in Wiesbaden locker gemacht hat, tut er das nicht, ohne ein bisschen stolz zu sein.

Gerhardt macht nicht den Eindruck, als ob er sich des Ansehens wegen an so vielen Punkten gleichzeitig engagiert hätte. Nach einer Aufführung auf der Waldbühne kamen damals ein paar Mann zu ihm und sagten, er müsse Bürgermeister werden. Also ließ er sich aufstellen.

Sein Stil war der der Diplomatie. Mal kräftig auf den Tisch hauen und ein Machtwort sprechen – das gab es in Gerhardts Amtszimmer nicht. „Es war mein Anliegen, dass ganz wichtige Entscheidungen einstimmig im Parlament getroffen wurden“, sagt er. „Große Projekte müssen starken Rückhalt haben, sonst gelingen sie nicht“.

Wenn Gerhardt sein Leben heute noch einmal neu beginnen könnte, würde er nicht mehr in die Politik gehen. „Wenn ich Zeitung lese, ärgere ich mich nur“, sagt er. „Der ewige Streit in den Parlamenten ist nicht gut. Wir brauchen ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl.“

Von Juri Auel

Quelle: HNA

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