Einmalig im Kasseler Landkreis

Mäeutik: Pflegemodell konzentriert sich auf den Menschen und seine Geschichte

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Beziehungsaufbau : Mäeutik kann man nicht sehen. Dennoch wurde hier eine Situation gestellt, wie Projektleiterin Monika Schacht mit Walter Okelmann und Ingrid Placke das Prinzip der Mäeutik anwendet.

Wolfhagen. Pilotprojekt im Seniorenzentrum Wolfhagen: Als erste Einrichtung im Landkreis Kassel werden die älteren Menschen nach dem Prinzip der Mäeutik betreut.

Ein Pflegekonzept, das sich stärker mit dem Menschen, seiner Geschichte und emotionalen Situation befasst.

Die Mitarbeiter begegnen den Bewohnern stärker auf Beziehungsebene. Neben dem menschlichen Aspekt können die Wolfhager inzwischen auch positive wirtschaftliche Effekte vorweisen.

„Einige Senioren waren schlecht erreichbar, verweigerten das Essen, wehrten sich gegen Pflegemaßnahmen und waren sehr unruhig“, berichtet die Projektleiterin im Seniorenzentrum, Monika Schacht. „Durch den Umgang mit der Mäeutik-Methode, der erlebensorientierten Pflege, konnten wir sie erreichen. Sie sind ausgeglichener geworden und nehmen wieder am Leben teil.“ Die Zeit, die die Mitarbeiter durch Zuwendung und Bestätigung aufgewendet haben, wird durch leichteren Umgang wieder eingespart.

Geschäftsführer des Seniorenzentrums, Peter Grunwald, der das Pflegekonzept eingeführt hat, spricht noch von einer weiteren positiven Entwicklung: „Wir wollen schwierige Bewohner nicht mit Medikamenten ruhigstellen. Die Mäeutik hilft uns dabei.“ Allerdings sei man noch am Anfang. 20 Mitarbeiter wurden bereits geschult und setzen das Konzept in einem der Wohnbereiche um. Die weiteren sollen in Kürze folgen.

Unterstützung in der Lernphase erhielten die Wolfhager in diesen Tagen von der niederländischen Pflegewissenschaftlerin Dr. Cora van der Kooij, die das Pflegemodell entwickelt hat. Sie brachte die Idee des mäeutischen Konzeptes bereits in den 1990er-Jahren nach Deutschland. Im Jahr 2004 wurde in Deutschland ein Verein gegründet, und seit 2008 gibt es die Akademie für Mäeutik Deutschland in Kalletal in Nordrhein-Westfalen.

Ein Beispiel aus der Praxis 

Die 86-jährige Seniorin hatte sich komplett zurückgezogen und verweigerte das Essen. Immer wieder erzählte sie die Geschichte aus ihrer Kindheit, als ihre Mutter krank wurde und sie sich ganz allein um den Bauernhof kümmern musste. Eine extrem harte und überfordernde Arbeit für das kleine Mädchen.

Die Mitarbeiter im Wolfhager Seniorenzentrum wendeten das Prinzip der Mäeutik an. Sie besprachen im Team, wie sie der Seniorin helfen könnten. Sie reagierten völlig anders als sonst, wenn darauf Wert gelegt wird, die noch vorhandenen Fähigkeiten der älteren Menschen zu fördern. „Wir sagten ihr mehrfach, dass sie stolz auf sich sein könne, was sie alles in ihrem Leben geleistet habe. Jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen, an dem sie ihre Ruhe genießen dürfe“, erklärt die Mäeutik-Leiterin im Seniorenzentrum, Monika Schacht. Zuwendung und Bestätigung noch dazu hätten ihren Zwang aufgelöst, so Schacht. Heute sei die Seniorin wie ausgewechselt und nehme wieder am Leben teil.

Förderung vom Land 

„Wir sind von dem Pflegemodell überzeugt“, sagt Pflegedienstleiterin Jutta Volkwein. Noch werde die Methode nur in einem Wohnbereich praktiziert. „Die Schulungen für alle Mitarbeiter laufen aber schon.“ In den kommenden ein bis zwei Jahren soll das ganze Haus auf Mäeutik umgestellt sein, so Volkwein.

Die Diakonie als Träger des Seniorenzentrums Wolfhagen erhielt für das Projekt eine Förderung von 8000 Euro vom Land. Interessierte Heime, die das Konzept der Mäeutik kennenlernen möchten, können mit den Wolfhagern Kontakt aufnehmen.

www.seniorenzentrum-wolfhagen.de

Quelle: HNA

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