Markus Schnepel über sein Leben als protestantischer Pfarrer in Moskau

Moskaus evangelisches Duo: Markus und Christina Schnepel führen gemeinsam die Deutsche Evangelische Gemeinde in Russlands Hauptstadt. Zuvor waren sie zehn Jahre als Pfarrer in Zierenberg und Burghasungen eingesetzt. Foto: privat

Es ist fast drei Jahre her, als Christina und Markus Schnepel zusammen mit ihren drei Kindern ein großes Abenteuer wagten. Im September 2009 verließ das Pfarrerehepaar Zierenberg, um die Deutsche Evangelische Gemeinde in Moskau zu übernehmen.

Anlässlich der evangelischen Auslandspfarrerkonferenz in Wittenberg ist die Familie gerade in Deutschland. Wir sprachen mit Markus Schnepel über das Leben eines deutschen Pfarrers in Russlands Hauptstadt.

Herr Schnepel, wo sind die Kirchenbänke besser besetzt - in Moskau oder in Zierenberg?

Markus Schnepel: (lacht) Wenn man die Größe der Gemeinde betrachtet, dann ist die Kirche in Moskau besser besucht. Das ist so, weil der Gottesdienst dort eine zentralere Rolle spielt.

Was bedeutet das ganz konkret?

Schnepel: Wir haben in Moskau ungefähr 100 Gemeindeglieder. Das sind größtenteils junge, aktive Menschen, die für eine gewisse Zeit im Ausland leben, viel arbeiten und wenig Zeit haben. Da bleibt kein Platz für einen Posaunenchor oder eine Bibelstunde. Alles konzentriert sich auf den Gottesdienst - der ist für viele ein Stück Heimat.

Finden Menschen in der Fremde eher zu Gott?

Schnepel: Ich glaube, aus meiner Gemeinde würden viele in Deutschland keinen Gottesdienst besuchen.

Deutschland ist ein gutes Stichwort. Dort sind Protestanten und Katholiken in der Überzahl. In Russland hat die Orthodoxe Kirche das Sagen. Wie fühlt es sich an, plötzlich in der Minderheit zu sein?

Schnepel: Das ist erstmal ein seltsames Gefühl. Vielen Russen ist der Protestantismus fremd. Für einige sind wir sogar eine Sekte.

Wurden Sie deshalb schonmal in irgendeiner Form angegriffen?

Schnepel: Nein.

Welche Bedeutung hat überhaupt das Thema Religion im heutigen Russland? In der Sowjetunion war der Glaube ja verboten.

Schnepel: Die meisten Russen sagen von sich: Ich bin Russe, ich bin orthodox. Das Religiöse hat als nationale Identität einen sehr hohen Stellenwert. Zeitgleich nehmen aber sehr wenig am kirchlichen Leben teil.

Wie ist das eigentlich mit Bestattungen und Hochzeiten? Gehört das in Russland auch zu ihren Aufgaben?

Schnepel: Wenn jemand stirbt, wird er in Deutschland bestattet. Hochzeiten hatte ich in drei Jahren eine.

Als Sie im September 2009 nach Moskau gingen, hieß es, Sie freuen Sie sich auf große Herausforderungen. Was war die größte?

Schnepel: Die Sprache. Mitlerweile haben wir ein bisschen Russisch gelernt.

Gibt es etwas, was wir Deutschen von den Russen in Sachen Lebensart lernen können?

Schnepel: Die Gelassenheit zum Beispiel. Und die Fähigkeit zu improvisieren, wenn etwas nicht klappt.

Ganz anderes Thema: Was bekommen Sie in Moskau von den Demokratie-Demos mit?

Das ist ein aufregender Prozess. Ich würde zunächst sagen, Putin hat die Mehrheit des Landes hinter sich - auch wenn die Wahlen gefälscht sind. Außerdem wird in westlichen Medien viel verzerrt.

Wie meinen Sie das?

Schnepel: Putin wird immer als Diktator dargestellt, der die Menschen unterdrückt. Dabei glaube ich, viele Russen empfinden das gar nicht so. Sie sind es gewöhnt, dass von oben nach unten befohlen wird.

Trotzdem gehen viele auf die Straße.

Schnepel: Ja, das ist auch gut so. Aber es ist noch nicht die Mehrheit.

Letze Frage: Spätestens in sechs Jahren geht es für Sie zurück nach Deutschland. Auf was freuen sie sich am meisten?

Schnepel: Ruhigere Straßen und Worscht.

Von Juri Auel

Quelle: HNA

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