Erinnerungen eines HNA-Redakteurs

Metzer Schreiner Karl Landau und der Erste Weltkrieg

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Schreiner und Soldat: Karl Landau war in beiden Weltkriegen an der Front, das Foto zeigt ihn im 1. Weltkrieg.

Niedenstein. Hier gibt es Erinnerungen unseres Redakteurs Olaf Dellit an den Metzer Schreiner Karl Landau. Briefe von Landaus Mutter aus dem Ersten Weltkrieg liegen noch vor.

Dellit lebte bis zu seinem neunten Lebensjahr in Niedenstein-Metze.

Es war wie der Schritt in eine andere Welt. Geheimnisvoll und ein wenig dunkel wirkte auf uns Kinder die Schreinerei von Karl Landau in Metze. Sie sah für uns etwa so aus wie die Werkstatt von Meister Eder und Pumuckl aus dem Fernsehen. Landau war für uns der Mann, der noch mit über 80 Jahren mit dem Fahrrad im Dorf unterwegs war. Gutmütig und freundlich – so ist er in meiner Erinnerung. Und an der Außenwand seiner Werkstatt, in der er bis ins hohe Alter noch hübsche Fußbänkchen schreinerte, hing ein Kaugummiautomat.

Was wussten wir, die wir Jahrzehnte nach 1945 geboren worden waren, schon vom Krieg? Wir haben damals nicht einmal geahnt, dass der alte Mann mit der Werkstatt und dem Fahrrad zwei Kriege mitgemacht hat – Kriege, die eine derartige Dimension hatten, dass man sie Weltkriege nennt. In diesem Jahr, in dem der Beginn des 1. Weltkriegs genau 100 Jahre zurück liegt, hat Leni Hahn – Tochter von Karl Landau – eine Kiste mit Erinnerungen ihres Vaters hervor geholt. Fotos und Briefe der Mutter an ihre Söhne Karl und Hermann sind darin gesammelt.

Alte Briefe und Fotos: Karl Landaus Tochter Leni Hahn hat Erinnerungen aufbewahrt.

Die Briefe lassen erahnen, wie sehr die Mutter um ihre Kinder gebangt und gebetet hat. „Es vergeht ein Tag nach dem anderen und eine Nacht nach der anderen, und man hört keine Silbe von Dir“, schreibt sie im Jahr 1917 an Hermann, von dem sie wusste, dass er ein Bein verloren hatte. Wenn er nicht selber schreiben könne, so möge er doch jemanden bitten, in seinem Namen einen Brief aufzusetzen, wünscht sie sich und schreibt: „Der Jammer ist doch groß bei mir.“ Sie schickt Brot und Kuchen, Speck und Butter an ihre Söhne. In einem Brief schreibt sie betrübt von der traurigen Nachricht, dass ihr Karl jetzt „in Stellung“ in Frankreich sei; in einem anderen von ihrer Erleichterung, dass er nun im Lazarett sei – sie hatte von einem Streifschuss erfahren.

Elisabeth Landau schildert, wie sie vergeblich zur Post geht und wieder keine Nachricht da ist. Sie erzählt, wie dann ein Brief kommt, aber den „konnten wir vor Weinen kaum fertig lesen“. Man kann nur vermuten, was die Söhne ihr geschrieben haben – diese Briefe gibt es nicht mehr – von Hunger und Kriegsleid müssen sie gehandelt haben. Mutter Landau bringt in ihren Briefen immer wieder ihren Glauben zum Ausdruck: „Gott wird wohl wissen, wie es für Dich und für uns gut ist.“ Auch von einer „Prüfungszeit“ schreibt sie und konnte noch nicht wissen, dass ein weiterer Krieg kommen würde, der Karl Landau in Gefangenschaft bringen würde. Vom Krieg habe ihr Vater nie viel gesprochen, sagt Leni Hahn. Ein Jahrhundert ist es her, dass der 1. Weltkrieg begann – das klingt nach einer langen Zeit. Doch nur zwei Generationen trennen uns davon, und die Zeugnisse liegen auf vielen Dachböden. Karl Landau starb 1993 im Alter von 94 Jahren. Noch mit 90 war er oft in seiner Werkstatt. Sein Fußbänkchen tut noch heute seinen Dienst.

Quelle: HNA

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