Zurück blieb nur der Müll - Treysaer Vermieter über Mietnomaden

Schwalm-Eder. Als die Familie ihren Briefkasten seit Wochen nicht geleert hatte, rechnete er mit dem Schlimmsten. „Ich hatte Angst, in die Wohnung zu gehen“, sagt ein Treysaer Vermieter, der lieber anonym bleiben möchte.

„Man hat ja schon von Fällen gehört, wo Leute wochenlang tot in ihrer Wohnung lagen“, sagt der Mann, der glücklicherweise nur Opfer von Mietnomaden geworden war. Im HNA-Gespräch erzählt er von seinen jüngsten Erfahrungen mit Mietern, deren Verschwinden ihm erst Wochen später aufgefallen war.

Einzug vor neun Monaten

Es ist erst neun Monate her, da war die fünfköpfige Familie, die von Hartz IV lebt, in die Treysaer Wohnung eingezogen: Eine 26-jährige Mutter, ihr 23-jähriger Lebensgefährte und drei Kinder. Was sich in der Familie zwischen Mai 2010 und dem Verschwinden im Dezember abgespielt hat, weiß niemand so genau. Aber die sorgsam im Küchenschrank gestapelten Mahnungen, Gerichtsvorladungen und Inkassoschreiben lassen es erahnen.

Neben einer vermüllten Wohnung blieb dem Vermieter aus Treysa nur ein Zettel, den die junge Mutter an die Tür geheftet hatte und der sich später als Lüge herausstellen sollte. Darauf stand: „Bin über Weihnachten bei meiner Mutter“. Danach verliert sich die Spur zu der Familie, die offenbar schon vor Weihnachten das Weite gesucht hatte. Die Miete, die das Jobcenter zahlte, blieb im Januar und Februar aus.

Offenbar wurden die Auflagen der Behörde nicht erfüllt. Mitte Februar – der Briefkasten war randvoll – war für den Vermieter das Maß erreicht. Er ging in die Wohnung, um nach dem Rechten zu schauen. „Für Notfälle habe ich einen Ersatzschlüssel.“

Hinter der Tür wartete das Chaos: In den Kinderzimmern waren die Böden mit Müll und Dreckwäsche übersät. Dazwischen einige Spielkonsolen, Fernsehgeräte, Computer und Flachbildschirme. Allein 14 Handys zählte der Vermieter, der in seinen 40 Jahren in dem Geschäft nicht zum ersten Mal Ärger mit Mietnomaden hatte. Im Februar begann für ihn, einmal mehr, eine aufwändige Recherche nach den säumigen Mietern. Wie so oft zuvor, lief sie ins Leere. Bei ihrer Mutter war die Mieterin nicht aufzufinden.

Auch die Ämter konnten ihm aus Datenschutzgründen keinen Hinweis auf den Verbleib der Familie geben.

Vater wurde gesucht

Der Vater sei bereits im Herbst ausgezogen, nachdem er wegen Drogenhandels polizeilich gesucht worden sei, erzählt der Treysaer. Die Frau habe Ärger mit dem Jugendamt gehabt, weil sie ihre älteste Tochter nicht zur Schule geschickt habe.

„Es sind Schicksale, die mir nahe gehen – aber irgendwo gibt es Grenzen.“ Weil er für den 1. März neue Mietinteressenten hatte, musste er die Wohnung auf eigene Kosten entrümpeln lassen. Aus Gesprächen mit anderen Vermietern weiß er, dass er mit dem Problem nicht alleine ist. Einen Schutz vor Mietnomaden gebe es nicht: „Sie können den Leuten nur vor den Kopf schauen.“ Aber mehr Hilfe der Behörden für Vermieter sei dringend nötig. (bal)

Keine klassischen Mietnomaden

In dem geschilderten Fall handelt es sich nicht um klassische Mietnomaden. Nach der Definition sind Mietnomaden solche Mieter, denen vor Vertragsabschluss klar ist, dass sie ihre Miete nicht zahlen können. Dies lässt sich in dem Treysaer Fall nicht zweifelsfrei sagen.

Die Miete für die Hartz-IV-Empfänger wurde im ersten halben Jahr noch durch das Jobcenter direkt an den Vermieter gezahlt. Erst nachdem die Familie die Auflagen der Behörde nicht mehr erfüllte, wurde die Zahlung eingestellt. Wie es bei typischen Mietnomaden der Fall ist, verschwand die Mutter dann aber unvermittelt mit ihren Kindern. Sie hinterließ eine verwahrloste Wohnung. (bal)

Quelle: HNA

Kommentare