Eon Mitte knüpft in Felsberg am Energienetz der Zukunft

Bekenntnis zur dezentralen Energieversorgung: Die Stadt Felsberg will perspektivisch ihren gesamten Strombedarf aus erneuerbaren Energiequellen vor Ort decken. Fotos:  lgr, dpa / Montage: asz

Felsberg. Am Modellfall Felsberg will der Energieversorger Eon Mitte zeigen, wie örtliche Stomnetze fit für die Zukunft gemacht werden können.

Wie berichtet, wurde die Drei-Burgen-Stadt unter 26 Bewerbern als Musterkommune ausgewählt. Wo die Knackpunkte dabei liegen, was bisher an Erkenntnissen vorliegt und was sich die Partner jeweils von dem Projekt versprechen, stellten sie am Donnerstag in der Kasseler Eon-Zentrale vor.

Strom-Perspektiven:

Durch immer fortschrittlichere Öko-Technologien wird immer mehr örtlich erzeugter Strom ins Leitungsnetz eingespeist. Dieses sei von der Technik her darauf eigentlich nicht ausgelegt, erläuterte Eon-Vorstandsmitglied Thomas Weber. Die Leitungen würden vier, fünf Jahrzehnte lang genutzt und seien sozusagen als Strom-Einbahnstraße geplant worden. Bei ihrem Bau sei nicht absehbar gewesen, dass das Netz heute prinzipiell in beiden Richtungen funktionieren müsse.

Das Technik-Problem:

Durch viele neue Sonnen- und Windstrom-Erzeuger - allein im Vorjahr kamen im Eon-Gebiet 7400 neue Anlagen hinzu - gibt es laut Weber zunehmend Probleme, die Netzspannung konstant zu halten. Von den vorgeschriebenen 230 Volt erlaube der Gesetzgeber nur eine Abweichung von zehn Prozent in beiden Richtungen.

Wenn nun ein Ortsnetz an der Auslastungsgrenze sei, werde es problematisch, sobald sich weitere Einspeise-Interessenten melden. „Wir schließen jede Anlage an“, betonte Weber. Das habe aber für Eon zur Folge, für immer höhere Investitionskosten einzelne Leitungsstrecken erneuern zu müssen.

Lösungsansätze skizzierte Dr. Martin Hoppe-Kilpper vom Netzwerk Dezentrale Energietechnologien (Deenet): Durch „intelligente“ häusliche Stromzähler, die Steuerimpulse an die örtliche Trafo-Station senden, sei es möglich, das Hauptstromnetz frei von Schwankungen zu halten. Diese Technik mache es auch möglich, selbst erzeugten Strom unmittelbar und nicht per Umweg übers Netz zu verbrauchen. Durch Speicherung in Batterien und durch gezielte Nachtstrom-Nutzung könne weiteres Potenzial erschlossen werden.

Die Aktivitäten in Felsberg bezeichnete Eon-Vorstand Weber als „unser zentrales Projekt, mit dem wir in die Zukunft schauen wollen“. Dort will Eon Erfahrungen mit der neuartigen Netzsteuerungstechnik sammeln und fördert zudem ein lokales Energiekonzept, wobei Einwohner zu neuesten Techniken von Energiemanagement und dezentraler Stromerzeugung beraten werden. Ebenso werden örtliche Gruppen unterstützt, die genossenschaftlich dezentrale Energie produzieren wollen. Von den Erkenntnissen in der Drei-Burgen-Stadt, so Weber, könnten auch andere Städte und Gemeinden profitieren.

Vorbild Felsberg

Das ehrgeizige Ziel der Felsberger: Sie wollen langfristig sämtlichen Strom, der in der Stadt benötigt wird, vor Ort aus Sonne, Wind, Wasser, Erdwärme und Biomasse erzeugen. Schon heute wird aus diesen Quellen 53 Prozent des städtischen Gesamtverbrauchs erzeugt.

Ein Anreiz zur Beteiligung möglichst vieler Einwohner soll laut Bürgermeister Volker Steinmetz sein, „dass wir Möglichkeiten zur Teilhabe an der Wertschöpfung schaffen“. Der Erfolg werde aber vor allem auch davon abhängen, ob der eine oder andere bereit sei, „aus Einsicht und Weitsicht Geld in die Hand zu nehmen“.

Hintergrund: Gebäude-Analyse zeigte viel Öko- und Sparpotenzial

Auch der Energiebedarf von Wohngebäuden steht im Blickpunkt des Felsberger Stromprojekts. Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik hat inzwischen den Bestand analysiert. Große Energiefresser seien die Fachwerkhäuser in den Ortskernen, sagte Dr. Michael Krause vom IBP. Doch der Hauptanteil des gesamten Wärmebedarfs von 70 Gigawattstunden pro Jahr entfalle auf Häuser, die in den 1950er- bis ’60er-Jahren errichtet wurden.

Zum größten Teil heizen die Felsberger laut Krause bislang mit Öl. Nur drei Stadtteile seien an die Gasversorgung angeschlossen, in 240 Wohnungen würden elektrische Nachtspeicheröfen betrieben.

Für jedes zehnte Gebäude wird schon heute mittels Solarthermie das Brauchwasser erwärmt und zum Teil unterstützende Heizenergie gewonnen. Dabei würden sich 60 bis 70 Prozent aller Häuser für diese Technologie eignen. Für die verdichtete Bebauung in den Ortskernen könnten sich nach Angaben Krauses Blockheizkraftwerke eignen.

Insgesamt sehen die Bauphysiker für Felsberg ein hohes Potenzial sowohl für Energieeinsparungen als auch für den Einsatz erneuerbarer Energiequellen. (asz)

Quelle: HNA

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