Fritzlarer Meteorologe Günter Fickenscher beobachtet seit Jahren das hiesige Wetter

Mitten im Klimawandel

Temperatur-Entwicklung im Landkreis seit fast 60 Jahren: Das Jahresmittel steigt an, vor allem seit den 90er-Jahren ganz deutlich. In der Kurve der fünfjährigen Mittelwerte (grün) fehlen die Spitzen nach oben und unten, der Trend ist aber eindeutig.

Schwalm-Eder. „Badehose statt Mütze“, „Heiligabend im Biergarten“, „Schwimmen im Chiemsee“ - so und so ähnlich lauteten zu Weihnachten die Schlagzeilen in den Nachrichtenmedien.

Im Süden und Südwesten der Bundesrepublik stiegen die Temperaturen an Heiligabend verbreitet auf Werte zwischen +15˚C und +20˚C. In der Innenstadt von München wurde an einer Wetterstation der Universität der Rekordwert von +20,7˚C gemessen.

Ganz so extrem war es in der Region Schwalm-Eder nicht, aber auch bei uns hatte man mehr das Gefühl von Frühling als von Weihnachten. Die Höchsttemperaturen erreichten in unserer Region immerhin knapp +12˚C. Dies reichte nicht ganz zu einem neuen Rekord, denn am 24. Dezember 1977 wurden bei uns schon einmal +14,2˚C gemessen.

Angesichts dieser extremen Witterungsbedingungen stellt sich erneut die Frage nach einem eventuellen Klimawandel. Zwar können die aktuellen Beobachtungen noch nicht als endgültiger Beweis eines Klimawandels gelten, sie passen aber genau in die Beobachtungen der vergangenen Jahrzehnte und bestätigen voll und ganz den Trend einer bedrohlichen Temperaturzunahme.

Bereits in dem 2001 erschienenen Buch „Donnerwetter - Das Wetter in Nordhessen“ des Fritzlarer Diplom-Meteorologen Günter Fickenscher, erschienen im Wartberg-Verlag, hieß es: „Eine derartige rasche Zunahme der Jahresmitteltemperaturen innerhalb so kurzer Zeit hat es in den letzten Jahrzehnten noch nie gegeben. Sie könnten erste Anzeichen einer beginnenden Klimaänderung sein. Ein Beweis ist dies aber noch nicht, da die Beobachtungsreihen einerseits noch zu kurz sind...“.

Inzwischen liegen die Auswertungen bis 2012 vor. Klimatologen beziehen sich bei ihren Auswertungen immer auf die langjährigen Mittelwerte der 30-jährigen Klimaperioden.

„Wir stehen nicht vor einem Klimawandel, wir stecken mitten drin!“

Für die Periode 1931 bis 1960 lag der langjährige Mittelwert der Jahrestemperatur für unsere Region noch bei +8,0˚C. Für die Klimaperiode 1961 bis 1990 stieg der Wert auf +8,3˚C. Für die ersten 22 Jahre der laufenden Klimaperiode berechnet sich der Jahresmittelwert auf +9,5˚C.

Hier macht sich deutlich der starke Anstieg in den Jahren 1997 bis 2007 bemerkbar. Um sich von den Schwankungen der einzelnen Jahre frei zu machen, werden in der Klimatologie mehrjährig übergreifende Mittel berechnet (5-jährig). Diese geben weit deutlicher die langfristige Entwicklung, den Trend wieder.

Anstieg und Rückgang

Auffallend in der Temperaturentwicklung seit 1956 ist die Tatsache, dass immer nach einer mehrjährigen Phase mit starkem Temperaturanstieg ein leichter Rückgang zu beobachten war. Der dann folgende neue Anstieg fiel aber dann etwas stärker und auf höherem Niveau aus.

Auch wenn es immer wärmere und kältere Jahre gegeben hat, auch wenn es in Zukunft immer wieder kühle Sommer und kalte Winter geben wird, der langfristige Anstieg der Temperatur sei nicht mehr zu leugnen, meint Fickenscher. Dies sei die eigentliche aktuelle Bedrohung.

Die Antwort auf die Frage nach einem eventuell bevorstehenden Klimawandel in Deutschland muss laut Fickenscher deshalb lauten: „Wir stehen nicht vor einem Klimawandel, wir stecken mitten drin!“ (nh)

Quelle: HNA

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