Kultur vor Ort: Poet und Kabarettist Philipp Scharrigastierte am Freitag in Treysa

Poet und Kabarettist Philipp Scharri mit morbider Alltagsdichtung

Großer Könner im Umgang mit Sprache: Philipp Scharri reimte dem Publikum in der Hospitalskapelle „die Hucke voll“. Foto: Rose

Treysa. Was sich reimt ist gut - diese schlichte Erkenntnis hatte einst der Pumuckl. Dass der rothaarige Geselle nun ausgerechnet das Vorbild von Philipp Scharri ist, darauf wäre im ersten Moment kaum jemand gekommen. Wer an Poeten denkt, der denkt eher an Schiller und Goethe. 

Vielleicht ist genau deshalb auch Philipp Scharri ein Poet: Weil er nicht in gängiger Sprache bleibt, sondern die Worte als experimentellen Spielplatz sieht. Weil er Sprachbilder neu interpretiert, neu inszeniert. Und das mit einer Lässigkeit tut, die das Publikum am Freitagabend in pure Begeisterung versetzte. Der Künstler war auf Einladung des Vereins Kultur vor Ort zu Gast in der Hospitalskapelle.

Bekannt wurde der Sprachakrobat mit Poetry Slam - literarischen Vortragswettbewerben. Sein aktuelles Programm heißt „Kreativer Ungehorsam“. Als „gelernter Kampfdichter“ setzt sich Philipp Scharri mit jedweder Sprachvorgabe auseinander. Er karikiert, persifliert und freut sich diebisch, wenn er die Grenzen des guten Geschmacks mit der Mine des netten jungen Mannes von Nebenan mühe- und gedankenlos überschreitet. Das Gedicht vom „Erlkönig“ wird schrittweise als Rap modernisiert. Um dann den Gästen geschickterweise quasi präventiv eine Bedienungsanleitung für den Abend zu offerieren. „Schubladendenken ist ja so komod. Schubladendenken könnt ihr euch schenken“, trällert Scharri am Klavier. Denn Denken in Schränken mache selber beschränkt. Spätestens danach hatten die „Laden auch Ladenschluss“. Dass sich Querdenken lohnt, bewies der gebürtige Bonner mit Genuss. Scharri enttarnte sprachliche Verunglimpfungen, enthüllte Phrasen und Worthülsen. Es sei eine Unsitte, jedwede Begrifflichkeit nach einiger Zeit als diskriminierend einzustufen. An speziellen Türen in der Bahn hingen Schilder, auf denen stünde: „Bürger mit Mobilitätseinschränkung“. Seitdem denke er sich eigene Formulierungen aus. „Politiker sind bei mir Amtsträger mit begrenzter Wahrheitskompetenz.“

Welt moralisch flexibel

Philipp Scharri wirbt für gezielte Unkorrektheit. Die Zeilen über Diktatoren brillieren mit Sätzen wie „denn beim Bart des Propheten lässt es sich besser töten“. Scharri nennt es „morbide Alltagsdichtung mit geheuchelter Anteilnahme“. Schlicht: „Man kann sich vieles schönreimen.“ Vom Rolltreppen-Trauma über eingefleischte Vegetarier bis hin zur Aufschrift „vegetarisches Gemüse“ - Scharri zerpflückt Sprache wie einen welken Kopf Salat. Das tut er mit so viel Raffinesse, dass das Zuhören schlicht riesigen Spaß macht. Am Ende wissen die Gäste: „Die Welt ist nicht schlecht - nur moralisch flexibel.“ Das Publikum erklatscht sich zwei Zugaben. In den Schubladen hat Philipp Scharri für ordentlich Unordnung gesorgt. (zsr)

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

Kommentare