Knastkunst im Museum der Schwalm: Einer der Häftlinge beschreibt der HNA seine Karriere als Bestatter, Dealer und Maler

„Morgens Leichen, abends Drogenhandel“

Atelier im Gefängnis: Die Malerei ist für den 29-Jährigen ein Ausbruch aus den tristen Gefängnisalltag. Seinen Namen und sein Gesicht möchte Inhaftierte nicht in der Zeitung sehen. Foto: Grede

Ziegenhain. Die Fantasie ist Titos einzige Inspirationsquelle: „Der Haftalltag ist nicht die optimale Basis für einen freien Geist“, sagt der Künstler, der nur mit diesem Pseudonym genannt werden möchte. Gemälde des 29-Jährigen und Kunstwerke anderer Häftlinge des Ziegenhainer Gefängnisses werden ab Sonntag im Museum der Schwalm zu sehen sein.

Seinen Namen und auch sein Gesicht möchte der Häftling nicht in der Zeitung sehen. Sonst, fürchtet er, könnten seine Angehörigen von einstigen Gefährten aus dem Drogenmilieu bedroht werden. Seit zweieinhalb Jahren trennen ihn Gitter und Mauern von der Außenwelt, seit einem Jahr sitzt er im Ziegenhainer Gefängnis. Wegen Drogenhandels wurde Tito zu insgesamt sieben Jahren Gefängnis verurteilt.

Sich selbst bezeichnet der schlanke, großgewachsene junge Mann als „Workaholic“. Sein Zwang, ununterbrochen arbeiten zu müssen, ist nicht nur in drei abgeschlossenen Berufsausbildungen dokumentiert: „Ich habe mich ziemlich reingehängt, wenn es ums Arbeiten ging. Das endete schließlich im Illegalen.“ Zuletzt arbeitete er als Bestatter, steckte gleichzeitig tief drin in der Drogenszene. „Morgens war ich mit dem Einsargen von Leichen beschäftigt, abends saß ich mit 80 000 Euro im Flieger nach Spanien, um Drogen einzukaufen.“ In drei Drogenbanden war er aktiv, verhaftet wurde er kurz vor seiner geplanten Hochzeit. Selbst sei er nie Drogenkonsument gewesen, betont er. Nicht nur deshalb habe der Staatsanwalt ihm enorme Geldgier unterstellt, was schließlich zur hohen Haft- und einer Geldstrafe geführt habe, erzählt der 29-Jährige.

Der Trieb, ständig aktiv zu sein, setzt sich auch hinter Gittern fort. „Eingesperrt sein, ist extrem“, stellt er klar. Hier im Gefängnis versuche er sich aus allem rauszuhalten. Der ständige „Umgang mit Mördern und Dieben geht noch“, als besonders schwierig empfindet er das Zusammenleben und -arbeiten mit Sexualstraftätern auf engstem Raum.

Der Schichtdienst in der Anstaltsküche bietet ihm die Möglichkeit, in seiner Freizeit, in einem Therapieraum ungestört, seinem Hobby, der Malerei nach gehen zu können. „Das bringt Ruhe und schafft Distanz.“ Für ihn ist das der Ausbruch aus dem tristen Anstaltsalltag, „die einzige Möglichkeit, meine Kreativität am Leben zu erhalten“.

Seit seinem elften Lebensjahr beschäftigt er sich mit künstlerischen Darstellungsformen, insbesondere der Holzbildhauerei. Zur Malerei ist er erst durch ein Kunstprojekt der JVA gekommen. Mit Acrylfarben drückt Tito seine persönlichen Erfahrungen aus, bietet Einblicke in seine Gefühlswelt, arbeitet so seine kriminelle Vergangenheit auf und beschreibt seine Sehnsucht nach Freiheit.

Der hofft er noch in diesem Jahr einen Schritt näher zu kommen: Günstige Prognosen stellen ihm im Sommer einen Umzug in die Abteilung Kornhaus, in den gelockerten Vollzug, in Aussicht.

Von Sylke Grede

Quelle: HNA

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