Morschener Ehepaar lernte sich in sowjetischer Zwangsarbeit kennen

Feiern Eiserne Hochzeit: Maria und Jakob Funk aus Altmorschen. Hier blättern sie in einem Album mit Fotos der 17 Enkel und Urenkel. Nicht alle kennt sie persönlich. Foto: Frangenberg

Altmorschen. Maria und Jakob Funk sind in diesem Monat 65 Jahre verheiratet. Sie lernten sich in sowjetischer Zwangsarbeit kennen. Ihre Liebesgeschichte ist keine typische Romanze.

„Verliebt sein, das war damals nicht“, erklärt Maria Funk. Die Wolgadeutsche, die aus dem russischen Samara stammt, wurde 1941 ausgesiedelt und kam ins heutige Kasachstan in die Zwangsarbeit (siehe Hintergrund).

Dort lernte sie auch ihren Mann Jakob kennen. „Wie wir dort damals gehalten wurden, das kann man sich nicht vorstellen“, erklärt Maria Funk. Wir hatten ganz andere Dinge im Kopf, als verliebt zu sein, erklärt die 87-Jährige. „Ich weiß noch genau, dass meine Mutter mir vor meiner Hochzeit gesagt hat, dass es wichtig sei, nüchtern im Kopf zu bleiben“, sagt sie. Gefühle hätten in der Welt von damals wenig Platz gehabt.

Mein Mann hat nie geflucht

„Trotzdem haben wir uns während unserer Ehe sehr geliebt“, sagt Maria Funk. Wir hatten nie Streit, mein Mann war immer sehr geduldig und hat nie geflucht. Das hat er auch an unsere Kinder weitergegeben“, erklärt sie stolz.

Jakob Funk kann sich heute nicht mehr an die Ereignisse von damals erinnern. Seine Frau hilft ihm dann auf die Sprünge. Sie erinnert sich daran, dass sie gemeinsam 1998 nach Deutschland gekommen sind. Zuerst nach Nürnberg, dann nach Baunatal und schließlich nach Altmorschen.

Die Zeit in der Zwangsarbeit hat die beiden sehr geprägt. Maria Funk trägt auf dem Handrücken eine Tätowierung, die sie an die Zeit erinnert. „Wir wurden alle markiert, dass wir ja nicht weglaufen“, erklärt sie. In dieser schweren Zeit haben die Funks geheiratet. Auf die Frage, wie ihr Mann sie überzeugt habe, ihn zu heiraten, erklärt sie: „Jakob hat einfach nicht nachgegeben.“ Die Hochzeit feierten sie dann mit der Familie von Maria Funk, deren Mädchenname Schneider ist. Ihre Mutter und ihre Geschwister waren auch in der Zwangsarbeit. Jakob Funk wuchs zuvor im sibirischen Omsk als Waisenkind auf.

1954 erster Sohn geboren

„Für die Hochzeit hat meine Mutter mit mir ein Kleid gekauft. Andere Zwangsarbeiter haben mir einen Haarkranz geflochten“, erinnert sie sich.

„1954 kam dann aber unser erster Sohn zur Welt“, erzählt sie stolz. Vier weitere Kinder bekamen die Funks dann.

Trotz ihres Schicksals sagt Maria Funk heute: „Ich bin sehr glücklich, unsere fünf Kinder großgezogen zu haben, die nun selbst eine eigene Familie haben.“ 17 Enkel und Urenkel haben die Altmorschener. Manche von ihnen konnten sie noch nicht kennen lernen. So wohnt eines der Kinder in den USA,

Maria Funk weiß besonders eine Sache in ihrer Ehe zu schätzen: „Wir haben zwar sehr arm gelebt, die Einigkeit und der Zusammenhalt in unserer Familie war aber immer sehr groß.“

Hintergrund: Wolgadeutsche sind Nachkommen deutscher Einwanderer, die zur Zeit Katharinas der Großen (ab 1763) an die Wolga zogen. Zwischen 1924 und 1941 lebten sie innerhalb der Sowjetunion in der Wolgadeutschen Republik. Nach dem Überfall des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges im Juni 1941 wurden die Wolgadeutschen der Zusammenarbeit mit den Deutschen beschuldigt. Sie wurden in Arbeitslager nach Sibirien und Zentralasien ausgesiedelt.

Quelle: HNA

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