Moses Katz: Vor 80 Jahren wurde der letzte Jude in Spangenberg beerdigt

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Sein Grab: Dr. Dieter Vaupel zeigt das Grab von Moses Katz, dem jüdischen Metzger aus Spangenberg. Vor 80 Jahren wurde er auf dem Jüdischen Friedhof beerdigt – als letztes Mitglied der Jüdischen Gemeinde Spangenberg.

Moses Katz aus Spangenberg starb im Alter von 63 Jahren an den Folgen seiner Haft. Weil er Jude war, wurde der sechsfache Vater, der als Metzger arbeitete, von den Nazis drangsaliert, inhaftiert und gequält.

Moses Katz war der erste und der letzte: Er war das erste Todesopfer unter den Spangenberger Juden und der letzte der Jüdischen Gemeinde, der auf dem Jüdischen Friedhof unterhalb des Spangenberger Schlossbergs bestattet wurde. Das war am 14. August 1936, der Tag jährt sich morgen zum 80. Mal. Ein Foto von Moses Katz existiert nicht mehr, dennoch bringt eine Spurensuche Licht in das Leben des Metzgermeisters aus Spangenberg.

Die ersten Jahre

Am 20. Mai 1873 wurde Moses Katz in Malsfeld als ältestes von neun Kindern geboren. Sein Vater Jakob war Viehhändler in Beiseförth. Die Familie war jüdischen Glaubens und besuchte regelmäßig den Gottesdienst in der Synagoge in Beiseförth. Familie Katz besaß eine Laube, in der zur Osterzeit das jüdische Laubhüttenfest stattfand. Moses Katz lernte Metzger.

Der Alltag

Er heiratete im Jahr 1902: Seine Frau Jenny starb 1920 in Spangenberg an chronischer Nierenentzündung. Das Paar hatte vier Kinder: Elsa, Siegfried, Franziska und Alwin; alle kamen in Spangenberg zur Welt.

1921 heiratete Moses Katz erneut: Seine 17 Jahre jüngere Frau Juddel stammte aus Heinebach. 1925 wurde Tochter Herta geboren, 1928 Sohn Walter. Die Familie lebte in der Lange Gasse 12, wo Metzger Moses Katz schlachtete und seine Waren verkaufte.

Sein Wohnhaus: In diesem Haus in der Lange Gasse 12 lebte Moses Katz mit seiner Familie. Im hinteren Bereich befand sich seine Metzgerei.

Nach Angaben von Dr. Dieter Vaupel muss Katz ein bescheidenes Leben geführt haben. Der gebürtige Spangenberger erinnert sich an die Erzählungen seiner Oma: Die berichtete ihrem Enkel, dass ihr Ehemann, ebenfalls Metzger in Spangenberg, dem Kollegen Katz seinen Schlachtraum, der größer und besser ausgestattet war, zur Verfügung stellte. „Bis 1933, danach war meinen Großeltern der Druck der Nazis zu groß.“

Der Horror

1923 wurde eine Ortsgruppe der NSDAP in Spangenberg gegründet (siehe unten). Gründungsmitglied war Theobald Fenner, der spätere Ortsgruppenleiter und Bürgermeister. Unter seiner Regie wurde die Hetze gegen die Spangenberger Juden in die Tat umgesetzt.

Auch Metzgermeister Katz wurde drangsaliert und gedemütigt. In einem Artikel der Spangenberger Zeitung vom 20. September 1934 wurde Katz öffentlich an den Pranger gestellt. Darin wird über eine Verhaftungsaktion gegen den Metzger berichtet, weil er nach jüdischer Tradition schächtete, was seit 1933 per Gesetz verboten war. „Das Maß ist voll“, schrieb das Blatt und: „Wir werden reinen Tisch machen.“

Die Verhaftung, der Tod

Moses Katz wurde „in vorläufig polizeiliche Verwahrung“ gekommen. Vermutlich in die Walkemühle bei Adelshausen, wo politische Gegner gefangengehalten und verhört wurden. Einen Monat später fand die Verhandlung vor dem örtlichen Amtsgericht statt. Zeugen wurden vernommen. Das Urteil: drei Wochen Gefängnis. Insgesamt zwei Mal wurde Moses Katz von den Nazis inhaftiert, zuletzt 1936. Er wurde gequält und misshandelt. Nach Angaben von Juddel Katz starb ihr Ehemann an den Folgen der Haft. Er wurde nur 63 Jahre alt

Die Familie

Juddel Katz musste das Haus im November 1936 verkaufen. Der Preis: 4224,03 Reichsmark (RM), wovon nach Angaben von Dr. Dieter Vaupel der Witwe lediglich rund 1700 RM blieben - der Rest wurde von der Stadtkasse für ausstehende Kosten einbehalten. Juddel Katz zog mit den Kindern nach Hamburg, arbeitete in der Volksküche des Jüdischen Religionsverbandes und wanderte 1938 in die USA aus, wo sie 1968 starb.

Moses Katz hat sieben Enkel 

Alle sechs Kinder von Moses Katz emigrierten in die USA, die vier aus erster Ehe bis 1934, Herta und Walter 1938. Der Spangenberger Moses Katz wurde sieben Mal Großvater. Franziska wurde Mutter einer Tochter. Herta bekam drei Kinder: Peter (1946 geboren), Howard (1949) und Karla (1950). Über die drei Kinder von Walter ist nichts weiter bekannt, ebenso von möglichen Urenkeln.

Fackelzug vor dem ersten Pogrom

In Spangenberg wurde 1923 eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet. Theobald Fenner wurde später Ortsgruppenleiter, zog mit Reden über die Dörfer, saß im Stadtparlament und wurde 1931 erstes NSDAP-Mitglied im Kreisausschuss des Kreises Melsungen. Von 1933 bis 1945 war er Bürgermeister.

Das erste Pogrom an den Spangenberger Juden fand Mitte September 1935 statt. Zur Verkündung der Nürnberger Gesetze ließ Ortsgruppenleiter Fenner die Spangenberger gegen 1 Uhr von der SA durch Sprechchöre und Trompetensignale wecken. Mit Fackelzug ging es zum Marktplatz, wo Fenner eine Rede hielt.

Im Buch „Sie werden immer weniger“ von Dr. Dieter Vaupel und Jechiel Ogdan heißt es: „Dabei sollen folgende Worte gefallen sein: Ich lasse nicht eher locker, bis der letzte Jude Spangenberg verlassen hat.“ Noch während der Ansprache seien die eingeteilten Trupps gewaltsam in Häuser von Juden eingedrungen und verlangten die Entlassung der christlichen Bediensteten. Dabei wurde Türen aufgebrochen, Scheiben eingeschlagen und Juden misshandelt.

Vaupel und Ogdan berichten in ihrem Buch, dass diese massiven Ausschreitungen gegen die Spangenberger Juden der NSDAP-Bezirksleitung zu radikal gewesen seien. Ortsgruppenleiter Fenner bekam daraufhin „innerparteiliche Schwierigkeiten“.

Jechiel Ogdan, als Manfred Blumenkrohn in Spangenberg aufgewachsen, hat diese schreckliche Nacht miterlebt. Er emigrierte mit seiner Familie drei Jahre später, wurde Physiker und lebt seit Jahrzehnten in Israel. Er ist der letzte Überlebende der Jüdischen Gemeinde Spangenberg, die 1930 noch 147 Mitglieder hatte.

Jechiel Ogdan berichtet in dem Buch über das Jahr 1940, als die letzten Juden fortzogen: „Man erzählte mir, man habe am Ortseingang ein Schild mit der Aufschrift „Spangenberg judenrein“ aufgestellt.“

Quelle: HNA

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