Musikantengilde wagt sich an Bachs Johannespassion

Probe in der Gesamtschule an der Dreuxallee: Die Melsunger Musikantengilde mit Dirigentin Eva Gerlach (Dritte von links) und ihren 50 Aktiven. Foto: Grugel

Melsungen. Im 65. Jahr ihres Bestehens hat sich die Melsunger Musikantengilde die Johannespassion von Johann Sebastian Bach aufs Konzertprogramm gesetzt – für einen Laienchor ein Klimmzug für alle Beteiligten, dem sich jeder Einzelne mit einer anderen Motivation stellt.

Eine Stunde und 45 Minuten wird die Aufführung in der Stadtkirche Melsungen dauern. Die Proben dafür nehmen ein Dreivierteljahr in Anspruch. Bezogen auf das anspruchsvolle Werk ist das für einen Laienchor eine kurze Zeitspanne, und angesichts des Notenmaterials hat sich nicht nur Chorsängerin Karin Urban gesagt: „Das schaffe ich nie!“ Knapp einen Monat vor der Aufführung aber lichtet sich der Nebel, und die Sopranistin hat sich über ihre Stimme hinaus eine neue Sicht aufs Gesamtwerk erarbeitet.

Für Meinhart Puhl ist das überhaupt ein Grund, dabei zu sein. Sänger erhalten zum Werk noch einmal einen völlig anderen Zugang als beispielsweise Konzertbesucher. „Ein enormer Bildungswert“, sagt der Bassist aus Morschen, der wie viele seiner Mitstreiter für jede Probe eine längere Anfahrt auf sich nimmt.

Dieses umfassende Werkverständnis hat viele Seiten. Natürlich führt Dirigentin Eva Gerlach die Sänger ins Werk ein und spitzt die Dinge bei den Proben zu, indem sie beispielsweise das musikalische Material im Chor der Kriegsknechte beim Losen um den Rock des Heilands als richtungsweisend in der Musikgeschichte beschreibt und an einigen Stellen Leichtigkeit einfordert. Was die einzelnen Chorsänger aber daraus machen, ist durchweg verschieden.

Übers Denken hinaus gibt es für jeden die Möglichkeit, mit der eigenen Gefühlswelt Verbindung aufzunehmen zu Bachs Passionsmusik, die dafür ja von der Gefangennahme Jesu über die Verleugnung des Petrus bis hin zum Begräbnis jede Menge Anknüpfungspunkte bietet. Das bahnt manchem einen Zugang zu den eigenen Gefühlen.

„Ganzer Körper beteiligt“

„Der ganze Körper ist beteiligt“, sagt Tenor Jörg Wengst, der in der langen Probenarbeit, im häufigen Wiederholen einzelner Abschnitte für sich ein „Gegengift gegen Schnelllebigkeit“ entdeckt hat. Und Johannes Schmidt beschreibt die Probenarbeit als einen Weg vom Konsumenten zum Aktivisten. Für den Bassisten kehrt sich im Chor alles um. „Wenn man abends müde ankommt, geht man frisch nach Hause“, sagt der Gildesänger.

In der Musikantengilde singen etliche Laien, die sich mit Werken wie der Johannespassion weit über die Proben hinaus auseinandersetzen. Niemand fragt nach der Bedeutung, wenn Chorleiterin Eva Gerlach statt von schnellen Tonabfolgen von Koloraturen oder statt von lauter werden von Crescendo spricht. Viele hören daheim oder im Auto CDs und spielen sich ihre Singstimme am Klavier vor. Etliche Gildesänger lieben die Herausforderung und erschließen sich damit große Werke der Musikgeschichte.

„Das ist beglückend“, sagt Sopranistin Elke Bussiek und lässt damit eine Gefühlswelt erahnen, in die jeder eintauchen kann, der sich einlässt aufs Abenteuer Singen.

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Quelle: HNA

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