HNA-Interview mit Anne Christel Klüttermann

Muskochen in Besse damals und heute: Ohne Rezept, aber mit viel Gefühl

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Zubereitung im Kessel: (von links) Ute Banze, Hans-Dieter Fuhrmann, Andrea Schirmer, Dirk Schirmer und Werner Bonze halfen bei der traditionellen Mus-Zubereitung.

Besse. Kochen wie damals bei Oma: So ging es am Sonntag in Besse beim „Zwetschenmus-Kochen“ zu. Anne Christel Klüttermann bereitet Zwetschenmus auf ganz traditionelle Art zu.

Köstlich: Anne Christel Klüttermann testete das Mus.

Auf dem Hof von „Stocks“ konnte man den Musköchen über die Schulter schauen und natürlich auch mal probieren. Wir haben mit Anne Christel Klüttermann über die Tradition des Muskochens gesprochen. Die 83-Jährige ist die Vorsitzende des Vereins für Geschichte und Dorfkultur Besse. Sie gilt als lebendes Geschichtsbuch von Besse.

Frau Klüttermann, seit wann gibt es die Tradition des Zwetschemus-Kochens?

Anne Christel Klüttermann: Seit Generationen schon. Man kann gar nicht genau sagen, wann man mit dem Muskochen angefangen hat. Ich bin nun 83 Jahre alt und meine Großmutter kochte damals schon Zwetschenmus. Von ihr habe ich es gelernt.

Wie wurde es zur Tradition?

Klüttermann: Rund um Besse gab und gibt es auch heute noch sehr viele Zwetschenbäume. Da bot es sich natürlich an, das Obst zu verarbeiten. Die Bauern verkauften den Zwetschenmus immer in Kassel auf dem Markt am Königsplatz. Das war eine schöne Nebeneinnahme für sie.

War das Muskochen an Festlichkeiten gebunden?

Klüttermann: Man kochte immer dann, wenn die Zwetschen reif waren. Das hing also ganz allein von der Natur ab.

Gab es Zeiten, in denen das Zwetschemus-Kochen in Vergessenheit geraten ist?

Klüttermann: Einmal gab es einen sehr strengen Winter. Das war 1939/1940. Viele Zwetschen erfroren in diesem Winter - und trotzdem wurde weitergekocht mit dem, was man hatte. Vergessen wurde die Tradition nicht, doch das Muskochen hat sich mit den Jahren verändert. Damals wurden große Mengen gekocht, heute kochen viele eher für den eigenen Hausgebrauch.

Hat sich auch die Art der Zubereitung verändert?

Klüttermann: Ja, damals war das Kochen noch viel aufwendiger. Zwetschen pflücken, waschen, weich kochen - das war viel mehr Arbeit und benötigte seine Zeit.

Wie wurde damals der Zwetschenmus gekocht?

Klüttermann: Die Zwetschen wurde mit Stein solange in einem riesigen Kessel gekocht, bis sie eine heiße, weiche Masse waren. Die zerkochten Zwetschen wurde dann durch ein Holzsieb gedrückt, sodass Steine und Schale hängen blieben. Das dauerte und man musste immer mit einer sogenannten Muskrücke umrühren, damit nichts anbrannte. Das Rühren half außerdem dem Wasser zu verdampfen. Das musste ganz raus, sonst kann der Mus schlecht werden. Ein überliefertes Rezept gibt es nicht. Man kochte nach Gefühl und Erfahrung.

Und dann wurde der Mus in Gläser abgefüllt?

Klüttermann: Nein. (lacht) Einmachgläser, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht. Für die Aufbewahrung kamen große Steintöpfe zum Einsatz. Die fassten ungefähr fünf Liter. Auf dem Markt brachte jeder ein eigenes Glas mit. Man schöpfte den Mus einfach aus den großen Behältern in die Gläser.

Konnte der Zwetschenmus so nicht schnell verderben?

Klüttermann: Dafür gab es einen Trick: Wenn der Mus fertig gekocht und in die Steintöpfe gefüllt war, stellte man den Topf in einen Backofen. Fast jeder hatte solch einen großen Ofen, 1920 gab es insgesamt 26 in Besse. Die Öfen mussten natürlich warm sein, deswegen stellte man die Töpfe mit dem Mus in sie, wenn man mit dem Brot- und Kuchenbacken fertig war. Die obere Musschicht wurde durch die Hitze ganz fest und luftdicht, sie buk zu. Das machte den Mus haltbar - bis zu zwei Jahre. Der Zwetschenmus musste dann nur noch gegessen werden.

Traditionelles "Zwetschenmus-Kochen" in Besse

Quelle: HNA

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