Tochter sei in Einrichtung tablettenabhägig geworden

Mutter erhebt schwere Vorwürfe gegen Diakoniezentrum Hephata

Schwalmstadt. Schwere Vorwürfe gegen das Hessische Diakoniezentrum Hephata: Die Mutter einer Ex-Schutzbefohlenen sagt jetzt öffentlich, dass ihre 26-jährige Tochter in einer Hephata-Außenwohngruppe tablettenabhängig geworden sei.

Und, letztlich aus Personalmangel, sei die 26-Jährige teils nachlässig betreut worden. Inzwischen habe die junge Frau einen Entzug von dem Beruhigungsmittel durchgemacht, es wurde ein neuer Platz für sie in Haina gefunden.

Seit 2011 hatte die 26-Jährige in einer Hephata-Wohngruppe in Schrecksbach gelebt. Zu Beginn sei es eine harmonische Zeit für ihre Tochter gewesen, so Carmen Grein-Zimmermann (Willingshausen). Doch voriges Jahr wurden die Eltern aktiv, nachdem sie negative Eindrücke sammelten. Auf ihr Betreiben hin fand eine unangemeldete Kontrolle der Heimaufsicht in Schrecksbach statt, Ergebnis laut Pressesprecherin: Es seien Mängel bei der Medikamentenvergabe festgestellt worden.

Einerseits sei von ärztlicher Seite der Bedarf an dem Beruhigungsmittel Tavor „nicht exakt definiert gewesen“. Auch habe es Kommunikationsdefizite zwischen Werkstatt und Einrichtung gegeben. „Desweiteren wurde auch die Führung der Dienstpläne bemängelt.“ Man habe der Einrichtung aufgegeben, die Mängel abzustellen. 

Hephata-Direktorin Judith Hoffmann nahm ausführlich Stellung zu den Vorwürfen, unter anderem dazu, dass es für 187 Tabletten keinen Nachweis gab. Nunmehr sei sichergestellt, dass es „eine lückenlose Dokumentation über den Ein- und Ausgang jeglicher Medikamente gibt“. Einen Hinweis auf Abhängigkeit habe sich aber nicht ergeben.

Sie will Öffentlichkeit aufrütteln

Carmen Grein-Zimmermann kritisiert die Betreuungsqualität in der Hephata-Wohngruppe Schrecksbach

Sarah Marlene Grein hatte es über Jahre gut in Einrichtungen der Hephata Diakonie, als Elfjährige war sie dort aufgenommen worden. Als die Kinder- und Jugendgruppe der heute 26-Jährigen geschlossen wurde, zog die junge Frau in eine der neuen Außenwohngruppen (AWG) Hephatas in Schrecksbach ein. Das war 2011. „Zuerst ging es ihr dort sehr gut“, sagt ihre Mutter Carmen Grein-Zimmermann: „Leider kippte das im Frühjahr 2015.“ Sie habe beobachtet, dass zu der Zeit Mitarbeiter die Einrichtung verließen, sie seien nur teilweise ersetzt worden. „In der Fluktuation verbarg sich ein allmählicher Personalabbau“, lautet ihre Einschätzung.

Was die Eltern zuerst bemerkten, waren Veränderungen im Verhalten ihrer Tochter, die autistische Charakterzüge zeige, mit wechselnden Gegebenheiten schlecht klarkomme. Carmen Grein-Zimmermann: „Plötzlich nässte sie sich ein, und sie reagierte aggressiv gegen Mitbewohner.“ Das ist für sie aus heutiger Sicht der Einstieg in eine Tablettensucht ihrer Tochter gewesen. „Tavor (Stichwort) war zuvor schon eins ihrer Notfallmedikamente gewesen“, räumt die Mutter und juristische Betreuerin ein.

Doch bei den regelmäßigen Besuchen zu Hause in Loshausen fiel den Eltern auf, dass Sarah „regelrecht gierig war auf die Tabletten“. Verdacht keimte auf, die Greins erhoben im Februar Anzeige bei der Pflege- und Betreuungsaufsicht. Die Recherchen hätten dann ergeben, dass es die Verordnung von 320 Tavor-Tabletten auf Sarahs Namen gab, doch die Dokumentationen würden offen lassen, ob sie der jungen Frau binnen drei Jahren alle verabreicht wurden.

Der Verbleib von präzise 187 Tabletten sei ungeklärt. Wurden sie unterschlagen? Entsorgt? Sarah oder anderen Patienten gegeben? Diese Fragen sind laut Carmen Grein-Zimmermann – die einen Aktenordner mit umfangreicher Korrespondenz vor sich auf dem Tisch hat – noch immer ungeklärt. Zumal die 26-Jährige auch in dem Werkstattbereich, wo sie beschäftigt war, Tavor bekam. Unter Hochdruck bemühte sich die Loshäuserin dann um eine alternative Unterbringung für ihre Tochter und fand einen Platz in der Heilpädagogischen Einrichtung Haina. „Dort wurde Sarahs Abhängigkeit bestätigt“, so die Mutter. Die Zeit des Entzugs sei schlimm gewesen, es folgte eine Medikamentenneueinstellung.

„Heute geht es ihr besser.“ Carmen Grein-Zimmermann lassen die Vorgänge nicht los. Sie bedauert auch für andere, dass die Betreuungsqualität zumindest in der Wohngruppe in Schrecksbach „schrecklich nachgelassen“ habe. Unter anderem habe man angekündigt, Sarah von der Polizei in Handschellen abführen zu lassen, „wir sollten gefügig gemacht und eingeschüchtert werden“. Die junge Frau sei krank in die Werkstätten zum Arbeiten geschickt worden, weil in Schrecksbach zu wenig oder kein Personal da gewesen sei, über Nacht habe sie in ihren Ausscheidungen gelegen.

Das liegt laut Carmen Grein-Zimmermann an rein wirtschaftlichen Gründe. Die angestrebte Dezentralisierung (Stichwort) werde auf deren Kosten umgesetzt, „aber Dezentralisierung ist zum Nulltarif nicht zu haben.“ Man habe wohl vorher nicht berechnet, wie teuer das in der Realität würde. Für sie sei es heute einfach wichtig, darüber zu sprechen und aufzurütteln.

Das sagt die Hephata-Direktorin

Es gab Versäumnisse Dokumentation und Austausch verbessert

Hephata-Direktorin Judith Hoffmann hat ausführlich Stellung genommen, die wir in Auszügen wiedergeben:

• Es habe keine Mitarbeiterüberlastung gegeben, weggefallen sei eine Stelle, die nur für die Aufbauphase eingeplant war.

• Zum Verbleib von 187 Tavortabletten heißt es, bislang habe es nur eine Dokumentation über die tatsächlich verabreichten Tabletten gegeben, nicht über Tablettenentsorgung. Dies habe man ohne rechtliche Verpflichtung geändert. „Nunmehr ist sichergestellt, dass es eine lückenlose Dokumentation über den Ein- und Ausgang jeglicher Medikamente gibt [...].“

• Die Facharztkontakte hätten keinen Hinweis auf eine Abhängigkeit gegeben.

• Zwischen der Wohngruppe und der Werkstatt habe es keinen regelmäßigen Austausch über Bedarfsmedikamente der Frau gegeben, „das ist versäumt worden und hätte nicht passieren dürfen“. Doch es sei zu keiner Überdosierung gekommen. Das sei nicht nur in dieser Einrichtung sofort behoben worden.

• Ein Leitungswechsel in Schrecksbach fand im Mai 2013 statt.

• Für die Bemerkung, die 26-Jährige durch Polizei abführen zu lassen, habe sich der Mitarbeiter entschuldigt.

• Die Formel „Personal runter – Tavor rauf“ entbehre jeglicher Grundlage.

• Man habe es durchaus mit gestiegenen Kosten zu tun, doch die Mitarbeitenden würden ihren Auftrag in vollem Umfang erfüllen. (aqu)

Das sagt die Pflegeaufsicht

„Einrichtung muss Mängel abstellen“ Wir haben um eine Stellungnahme der Betreuungs- und Pflegeaufsicht gebeten, hier die vollständige Antwort von Pressesprecherin Fischer: „Vorliegend hat die Betreuungs- und Pflegeaufsicht die Einrichtung überprüft und Mängel bei der Medikamentenvergabe festgestellt. Dies führen die Kollegen einerseits auf einen ärztlich nicht exakt definierten Bedarf zurück, andererseits aber auch auf Kommunikationsdefizite zwischen Werkstatt und Einrichtung. Desweiteren wurde auch die Führung der Dienstpläne bemängelt, da nur mit exakt geführten Dienstplänen eine fundierte Kontrolle des tatsächlich vorhandenen Personals möglich ist. Die Betreuungs- und Pflegeaufsicht hat der Einrichtung aufgegeben, diese Mängel abzustellen. Eine Nachkontrolle ist demnächst vorgesehen.“ (aqu)

Quelle: HNA

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