Reportage aus der Erstaufnahme im Knüll

Nach Tod eines Flüchtlings in Schwarzenborn: Ein Blick ins Camp

Schwarzenborn. Am Tag nach dem Tod eines syrischen Flüchtlings in der Erstaufnahme in Schwarzenborn haben wir uns im Flüchtlingslager umgeschaut und mit den Menschen gesprochen.

Salam (23) ist kurdischer Syrer. Mit einer blauen Decke um die Schultern kommt er aus Richtung des Zeltlagers auf dem Truppenübungsplatz näher. Mit drei anderen Männern will er in den einige Kilometer entfernten Ort nach Schwarzenborn und sehen, ob sie etwas zum Anziehen bekommen.

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„Es ist sehr, sehr kalt“, sagt der schmale junge Mann in gebrochenem Englisch. Es sei sein neunter Tag in der Einrichtung, aber eine Jacke habe er noch nicht bekommen. Ja, bestätigen Salam und die beiden anderen, es ist ein Flüchtling gestorben in der Nacht. „Er war so erkältet wegen der Kälte“, meint einer, aber genaues wissen sie nicht.

Dichter am Lager, außerhalb des Zauns, haben sich zwei, drei Dutzend Lagerbewohner versammelt. Ein Mann weist auf seine hochschwangere Frau und seine beiden Kinder. Hier könnten sie nicht bleiben, macht er mit Händen und Füßen deutlich, während ein kalter Sprühregen einsetzt.

Hermann-Josef Klüber, Regierungsvizepräsident, war schon in der Nacht über die heikle Lage im Camp nach dem Todesfall informiert worden. Ja, es werde sich gekümmert, verspricht er, zeigt Verständnis, „die Menschen sind zu Recht enttäuscht“. Einige der inzwischen deutlich über 400 Lagerbewohner seien so etwas wie Sprecher geworden für die anderen, mit ihnen hat er sich den Morgen über verständigt, „manche wollen gehen, manche wollen bleiben“.

Für Empörung unter den Lagerbewohnern habe auch eineoffizielle Mitarbeiterin des RP namens „Jacqueline“ gesorgt, eine Algerierin, die viele Sprachen spricht. Nach Berichten der Männer sei sie abberufen worden. Ihre Aufgabe war es, bei der Registrierung der Menschen in der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) zu helfen, „doch sie hat sich irgendwann nicht mehr korrekt verhalten“. Was das bedeutet, beweisen einige der Männer mit einer Videoaufnahme von „Jacqueline“, die eine unflätig fluchende Frau zeigt, die die Flüchtlinge drangsaliert.

Überhaupt können sich die Männer keinen rechten Reim auf ihren Aufenthalt in dem Lager machen. Es sei so kalt, klagen sie immer wieder. Andere Flüchtlinge kämen nach zwei, drei Tagen in einer Erstaufnahme in irgendeine Behausung. Sie aber hier hätten den Eindruck, dass sie auf unbestimmte Zeit zu bleiben hätten. Man gestatte ihnen nicht einmal, Bekannte zu besuchen - dann werde man sie nicht mehr hereinlassen, heiße es seitens der Security.

Sie möchten weg 

Der 40-jährige Wesam aus Syrien spricht gut Englisch. Musiker ist er, trägt einen langen grauen Zopf. „Wie lange müssen wir noch hier bleiben“, fragt er, „das ist doch ein Exil hier bei scheußlichem Wetter“. „Eat and sleep, sleep and eat“ - essen und schlafen - mehr könnten sie nicht tun, aber alle fragten sich, ob sie nicht irgendetwas unternehmen könnten, um ihre Situation zu ändern. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie man hier friert“, sagt Aladin (30). In Syrien hat er Bankwesen studiert. Wenn in diesem Teil Deutschlands einfach kein Platz sei für sie, dann solle man sie doch in andere Bundesländer überstellen, schlagen sie vor. Anderswo, in Saarbrücken, Ellwangen und sonstwo, wo Bekannte und Verwandte untergekommen sind, hätten sie wenigstens ein Dach überm Kopf.

Dann trollen sich die meisten Richtung Landstraße. Die Stimmung ist gedrückt, aber nicht aggressiv. Wohin sie jetzt gehen sollen, wissen sie nicht so genau, aber den meisten ist klar, dass sie zurück kommen, geduldig warten müssen, bevor sie so richtig ankommen in Deutschland. Irgendwo, wo es nicht so unwirtlich und einsam ist und wo sie, eine Zeitlang zumindest, bleiben dürfen.

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Quelle: HNA

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