Nausiserin Hanna Lena Reich berichtet aus Afrika

Nairobi: Eine Stadt mit zwei Gesichtern

Hanna Lena Reich

Nairobi. Nairobi ist mit seinen geschätzten drei bis fünf Millionen Einwohnern eine Stadt mit zwei Gesichtern. Auf der einen Seite luxuriöse Geschäfte, teure Restaurants und europäisches Flair. Im Supermarkt gibt es von Nutella bis zu Nivea alles, was man auch in Deutschland kaufen kann.

Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind in Nairobi so groß, dass sie häufig zu Gewaltakten führen. Nicht umsonst wird Nairobi auch Nairobbery (robbery steht im Englischen für Überfall) genannt. Überfälle, Diebstähle, Schießereien und Vergewaltigungen sind hier leider nicht unüblich. Diese andere Seite spielt sich hauptsächlich in den Slums ab.

Unter einem Slum versteht man ein Stadtviertel, welches meist von Zuwanderern vom Land bewohnt wird. Merkmale sind Überbevölkerung, kaum vorhandene Infrastruktur und für uns unvorstellbares Elend und Armut. 60 Prozent der Bevölkerung Nairobis leben in Slums.

Das wohl berühmteste ist Kibera. Kibera gilt mit geschätzten 200 000 Einwohnern als eines der größten Slums Afrikas. Nur wenige Zentimeter entfernt stehen Wellblechhütten, in denen bis zu zehn Menschen in einem Raum schlafen. Die Arbeitslosenrate beträgt mehr als 50 Prozent, Strom gibt es gerade mal für ein Fünftel der Bewohner. Bis zu 50 Menschen müssen eine Latrine benutzen, es gibt kaum Wasser oder medizinische Versorgung.

Organisationen wie die Vereinten Nationen unterstützen viele Projekte in Kibera, doch es geht sehr schleppend voran. Gerade UN-Habitat hat viele Projekte in Kibera in die Wege geleitet, unter anderem in Sachen Wasserversorgung und Hygiene, Gewaltprävention und Wohnungsbau.

Jeder, der für UN-Habitat arbeitet, wird früher oder später in eines der Slums fahren. Ich habe dort einen Tag verbracht und fand es sehr deprimierend. Obwohl so viel Geld ausgegeben wird und es eine unglaubliche Anzahl an Projekten gibt, hatte ich teilweise das Gefühl, dass trotz allem nichts passiert.

Das größte Problem ist, dass täglich mehr Menschen in die Stadt kommen, weil sie sich Bildung, Arbeit, eine Zukunft erhoffen. Drogen, HIV, Prostitution und Gewalt gehören in Kibera zur Tagesordnung. Die Eindrücke, die ich in dort gesammelt habe, waren schwer zu verarbeiten. Die meist aussichtslose Situation der Menschen hat mich so bewegt, dass ich den Tränen nahe war. Die unfassbare Armut macht mir immer wieder bewusst, wie gut es uns in Deutschland geht. Hanna Lena Reich

Quelle: HNA

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