Natur soll das Sagen haben

So sieht es zurzeit am Wüstegarten aus: Dort wurden fast fünf Hektar Fichten gefällt, die dort vor 40 Jahren angepflanzt worden waren. Auf dieser Fläche soll nun die Natur das Sagen übernehmen, es sollen dort neue Landschaften entstehen. Foto:  Nationalpark Kellerwald-Edersee

Jesberg. Als Lothar Klitsch jetzt eine Wanderung auf den Wüstegarten bei Jesberg unternahm, traf ihn fast der Schlag: Auf der höchsten Erhebung im Kellerwald war der gesamte Fichtenbestand radikal abgeholzt worden.

Auf einer Fläche von fünf Hektar stehe kein Baum mehr, berichtet Klitsch. Der Wanderführer und Vorsitzende des Vereins für Heimat und Kulturgeschichte im Schwalm-Eder-Kreis macht HessenForst Vorwürfe: Ein solcher Kahlschlag sei forstwirtschaftlich gesehen unsinnig und ein gutes Beispiel dafür, wie Steuergeld sinnlos verprasst werde. Nicht einmal ein Sturm wie Kyrill könne einen Schaden anrichten wie er am Wüstegarten entstanden sei. Hätte man die Menschen vorher informiert, wäre ein Aufschrei der Entrüstung durchs Land gegangen, ist sich Klitsch sicher.

DAS SAGT HESSEN-FORST

Normalerweise sei ein solcher Kahlschlag in der Tat tabu, sagt Karl-Gerhard Nassauer, Leiter des Forstamts Jesberg. Doch bei der Abholzung des Fichtenbestandes auf dem Wüstegarten habe es sich nicht um eine außergewöhnliche Maßnahme gehandelt.

Denn auch wenn der Wanderer auf den ersten Blick nur ein zerstörtes Waldgebiet sehe, stehe doch ein durchdachtes und von allen Behörden genehmigtes Konzept hinter der Aktion. Die Fichten hätten fallen müssen, weil sie andere Arten bedrängten, begrenzten und beschatteten: Der Standort sei schlicht falsch, da zu trocken, karg und steinig. „An all das hat vor 40 Jahren kein Mensch gedacht, als die Bäume dort oben gepflanzt wurden“, sagt Nassauer. Jetzt habe man die Bäume gefällt und damit einen einen ganz Prozess initiiert: „Wir machen jetzt das, was man schon vor 40 Jahren hätte machen sollen: Wir überlassen die Fläche jetzt der Natur“, sagt Karl-Gerhard Nassauer.

Und auch wenn der alte Bestand dafür komplett fallen musste: „Die Wertigkeit des Gebietes steigt. Man muss jetzt nur ein bisschen Geduld aufbringen, dann kann man sehen, wie die eigentliche, natürliche Landschaft neu heran wächst.“

DAS SAGT DER EXPERTE

Und diese Landschaft werde dann eine ganz besondere sein, ist sich Achim Frede vom Nationalpark Kellerwald-Edersee sicher. Denn sie biete Quarzit-Felsen, wie sie man sonst nur im Harz oder Hunsrück finde und seltene Moose. Jetzt, wo die Fichten gefallen sind, werde sie auch schon recht bald nordische Ansichten bieten. Natürlich sehe der Kahlschlag zurzeit noch schlimm aus, aber jetzt sei eben Geduld gefragt: „Wir müssen warten, bis die Natur ihre Wunden geschlossen hat: In zehn bis 20 Jahren aber werden wir vor einer großartigen Landschaft stehen.“ Schon jetzt wüchsen neue Gräser, Farne, Moose heran.

Von den Behörden abgesegnet

Das Projekt sei von allen Ämtern und Behörden abgesegnet worden und das nicht ohne Grund: Denn es soll sowohl für die Natur als auch für den Tourismus viele positive Folgen haben. So viele, dass das neue Naturgefüge als ein besonderes betrachtet wird. Am Wüstegarten entstehe durch den Fichtenschlag ein solch wichtiges und wertiges Kleinod, dass es als „gesamtstaatlich repräsentatives Naturschutzgroßprojekt“ betrachtet und gefördert werde, berichtet Frede.

Von Claudia Brandau

Quelle: HNA

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