Von Menschenmenge durch die Stadt getrieben

Am 8. November 1938 starb in Felsberg der Jude Robert Weinstein

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Robert Weinstein – erstes Opfer der nordhessischen Judenverfolgung.

Felsberg. Ein trauriges und dunkles Kapitel der Felsberger Stadtgeschichte wird am Mittwoch, 9. November, in der kürzlich wiedereröffneten Synagoge an der Ritterstraße aufgeschlagen.

Die Zerstörung der Inneneinrichtung des Tempels durch die Nationalsozialisten, Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger und der Tod von Robert Weinstein jähren sich zum 78. Mal.

Der Kaufmann, Sozialdemokrat und stellvertretende Stadtverordnetenvorsteher Robert Weinstein, Jahrgang 1883, starb auf der Straße. Sein Hausarzt, Dr. Heinz Roepke sprach von Totschlag. Am 8. November 1938 trieb in Felsberg eine von Einheimischen gebildete Menschenmenge den Juden Robert Weinstein durch die Stadt und in den Tod“, schreibt der Historiker Dr. Kurt Schilde in seinem Buch „Frühe Novemberpogrome 1938 und das erste Opfer Robert Weinstein.“

Wenige Stunden nach den Schüssen des jungen Juden Herschel Grynszpan am Morgen des 7. November 1938 in der deutschen Botschaft in Paris auf den Diplomaten Ernst von Rath, so Schilde, begannen in Nordhessen antijüdische Pogrome. In Kassel sowie unter anderem in Guxhagen, Hoof und Hersfeld kam es zu Ausschreitungen. Schilde: „Robert Weinstein ist das erste Todesopfer der Pogrome im November 1938.“

Hier lebte Robert Weinstein: Das Fachwerkhaus an der Obergasse 6 war von 1826 bis 1931 die Religionsschule der jüdischen Gemeinde. 

Sein Buch beruht auf den nach 1945 vorgenommenen staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen.

Den Tod Weinsteins schildert sein nach dem Pogrom nach New York emigrierter Vetter Siegmund Weinstein ein Jahrzehnt später: „Um 7 Uhr abends versammelte sich eine große Menge SA, SS und Hitlerjugend bei der Synagoge, zertrümmerten die Türen und demolierten alle Ritualien. Sie benahmen sich wie die Barbaren.“

Am jüdischen Schulgebäude an der Obergasse, in dem die Familien Weinstein wohnte, habe die Horde die Türen zertrümmert und gedroht, die ganze Familie zu töten. Sein schwerkranker Vetter Robert Weinstein sei gezwungen worden, das Haus sofort zu verlassen, „einige Minuten später starb er auf der Straße an Herzversagen“.

SA-Männer seien durch die Straßen marschiert, und Weinsteins Frau habe neben ihrem Mann gerufen: „Will uns denn niemand helfen? Gibt es denn gar keinen Gott im Himmel?“ Weinstein starb um 21.10 Uhr In der Untergasse.

• Das Buch „Frühe Novemberpogrome 1938 und das erste Opfer Robert Weinstein“ kann am 9. November in Felsberg erworben werden. Hentrich & Hentrich Verlag Berlin. www.hentrichhentrich.de ISBN 978-3-95565-169-5. Der Eintritt ist frei. Der Autor steht zum Gespräch bereit.

Hintergrund: Der einzige Jude im Stadtparlament

Mit dem Tod von Robert Weinstein endete das jüdische Leben in Felsberg, heißt es in dem Buch von Dr. Schilde. Weinstein wurde am 28. Februar 1883 in Felsberg geboren. Nach der Dienstzeit bei der Infanterie in Kassel eröffnete Weinstein 1907 in Felsberg ein Textilwarengeschäft. Ab 1933 litt das Geschäft „zunehmend unter den nationalsozialistischen Boykottmaßnahmen”, was Mitte 1935 zur Stilllegung führte, schreibt der Autor.

Weinstein war der einzige Jude im Felsberger Stadtparlament. Er gehörte der SPD an. Weinstein war Vorsitzender der seit 1924 bestehenden Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten und des 1870 gegründeten Wohlfahrtspflegevereins Chewra Kadischa (Heilige Gesellschaft), der Hilfsbedürftige unterstützte.

Quelle: HNA

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