Berufungsprozess endete mit Freisprüchen

Freispruch: Tod des Opfers half den Angeklagten

Schwalm-Eder. So etwas, sagte Richter Michael Reichhardt, habe noch keiner seiner Kollegen am Kasseler Landgericht erlebt. „Der Hauptbelastungszeuge, mit dem alles steht und fällt, ist uns zwischen den Instanzen verstorben.“

Und so endete die Berufungsverhandlung gegen drei Männer, die einen säumigen Drogenkunden so brutal zum Zahlen aufgefordert haben sollen, dass das die Vorinstanz als Vergewaltigung gewertet hatte, am Montag mit Freisprüchen für alle drei.

Vom Kasseler Amtsgericht war das Trio im Januar noch zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Damals hatte ihr angebliches Opfer noch gelebt – und schwere Vorwürfe erhoben. Einen 45-Jährigen aus Kassel und einen 38-Jährigen aus Dresden beschuldigte er, ihm mehrfach Kokain verkauft zu haben, zum Teil in großen Mengen.

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Zusammen mit einem 35-Jährigen aus dem Schwalm-Eder-Kreis hätten sie ihn dann im Mai 2011 in seiner Wohnung heimgesucht und ihn äußerst rüde an seine Schulden in Höhe von 10.000 Euro erinnert – indem sie ihm einen Baseballschläger in den After schoben.

Fast vier Monate hatte der Prozess in erster Instanz gedauert. Sieben Verhandlungstage nahm sich nun auch die Berufungskammer des Landgerichts Zeit. Das Ergebnis aber hätte unterschiedlicher nicht ausfallen können. „Für eine Verurteilung reicht es hinten und vorne nicht aus“, befand Richter Reichhardt. Dafür seien die Aussagen des vermeintlichen Geschädigten, der zu Jahresbeginn im Alter von 25 Jahren einer Krebserkrankung erlegen war, zu „problematisch“.

Eine Psychologin, die die Glaubwürdigkeit des Mannes im Auftrag des Gerichts posthum begutachten sollte, hatte ihm eine „unübersehbare Fähigkeit zu lügen“ bescheinigt. Nach Aktenlage jedenfalls. Auch die Staatsanwaltschaft wollte den Vergewaltigungsvorwurf gegen die drei Angeklagten deshalb am Ende nicht mehr aufrechterhalten.

Noch einen Schritt weiter ging die Verteidigung: Die Unschuld sei erwiesen, der 25-Jährige habe sich die gesamte Geschichte ausgedacht. Denn: Der drogenabhängige Mann habe seine Freundin und ihre Familie bestohlen – und zu deren Besänftigung dringend etwas gebraucht, das ihn als Opfer dastehen lasse. Diese Sichtweise aber mochte sich die Strafkammer dann doch nicht zu eigen machen. Es bestehe nach wie vor ein „großer Verdacht“ gegen die Angeklagten, betonte Richter Reichhardt. Nur beweisen lasse sich nichts mehr.

Von Joachim F. Tornau

Quelle: HNA

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