Landart-Künstler Hans- Joachim Bauer schuf ein GPS-Kunstwerk in der Sahara

Orakel der Wüste

Mardorf. Wer in der Antike Sinn oder Rat suchte, pilgerte nach Delphi. Die griechische Stadt galt den Menschen als der Mittelpunkt der Welt und war für ihr Orakel bekannt.

Der Landart-Künstler Hans-Joachim Bauer reiste nun in die Sahara, um dort die Orakelstätte nachzubauen: ganz ohne Steine und Mörtel. Sein Werkzeug war allein ein GPS-Gerät, ein globales Navigationssatellitensystem, das die Position bestimmt und die Zeit misst. Das Werk selbst besteht nur aus der Angabe der Längen- und Breitengrade sowie der Höhe des Ortes.

Via Satellit in die Wüste

Bauer holte das Orakel damit quasi via Satellit in die Wüste. Noch heute gibt es Reste der Tempelanlage am Golf von Korinth. Dort befand sich wenige Jahrhunderte vor Christus der Apollon-Tempel, der Sitz des Orakels.

In ihm atmete eine Priesterin vermutlich ethylenhaltige Gase ein, die sie in Trance versetzten. Die Antworten, die sie Fragenden aus der Trance heraus gab, galten als das Orakel. Die Oberpriester des Apollon interpretierten ihre Worte.

Bauer wollte die 300 Meter lange Strecke, die in Delphi durch die Reste der antiken Pilgerstätte führt, in der Wüste nachstellen. Er fuhr mit einem Jeep von Djerba in Tunesien in die Wüste. Dort schritt er den griechischen Weg maßstabsgetreu ab und markierte die neun Stationen des heiligen Weges zunächst mittels Steinen. Dazu notierte er sich die GPS-Daten der jeweiligen Position.

Doch seine Landart-Kunst ist stets extrem kurzlebig: Die Steine sind längst vom Wüstensand verweht und die Idee nur eine Erinnerung.

Kunst verbindet die Erdteile

Für viele besitze auch heute der Ort Delphi, der längst eine moderne Kleinstadt ist, eine mystische Ausstrahlung, sagt der Künstler aus Mardorf. Am Projekt reizte ihn vor allem das Nebulöse und Unwirkliche am antiken Mythos, in dem es um flüchtige Gase, tranceartige Zustände und vage Ausblicke in die Zukunft geht.

Ein zusätzlicher Kick war für Bauer der Gedanke, das Orakel in die Wüste zu verlegen. Denn er sieht das Verbindende, das Gemeinsame zwischen den beiden so weit voneinander entfernten Orten: Auch die Wüste stellt für ihn eine unwirkliche und fast unbegreifliche Welt dar. „So habe ich zwei Erdteile über den Himmel miteinander verknüpft“, sagt Bauer.

Bauer weiß, dass es für viele ein schwieriges Werk ist, das er da gestaltete: Es steht für ihn unter dem Begriff der Unanschaulichkeit – abseits des Normalen. Seine Erkenntnis: Das Orakel ist ebenso nebulös wie die Wüste selbst.

Von Christine Thiery

Quelle: HNA

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