Auf ihrem Hof versorgen Antje Schaumlöffel und Klaus Birkenstock kranke Tiere

Ein Pflegeheim für Pferde

Gandhi wird aufgepäppelt: Klaus Birkenstock sieht nach dem Wallach, der erst seit wenigen Tagen auf dem Hof in Melgershausen lebt. Er ist zu mager, soll 150 Kilo zunehmen.

Melgershausen. Tinka ist neugierig: Die Kamera der HNA-Redakteurin findet sie sogar spannender als das saftige Gras zu ihren Hufen. Dass die braun-weiße Stute so zutraulich ist und die Besucher auf der Weide mit freundlichen Stupsern willkommen heißt, wäre vor zwei Jahren noch undenkbar gewesen.

„Als ich sie damals gekauft habe, hat mich Tinka noch richtig angegriffen“, erzählt Antje Schaumlöffel. Die 36-Jährige betreibt mit ihrem Lebensgefährten Klaus Birkenstock (49) einen Hof in Melgershausen. Eigentlich wollten die beiden einen ganz normalen Reiterhof haben. Mit gesunden Pferden, auf denen geritten wird. Doch dann kam alles ganz anders. Inzwischen leben auf ihrem Hof viele Pferde, die verletzt, alt, krank, schreckhaft oder aggressiv sind – kurz, auf denen niemand mehr reiten kann. „Ich hätte das nie so geplant“, räumt Antje Schaumlöffel ein. „Aber jetzt ist es genau das, was ich machen will.“

„Pferde sind keine Sportgeräte.“

Antje Schaumlöffel

Zwölf Pferde stehen derzeit auf dem Hof, sechs von ihnen sind „Pflegefälle“, wie Antje Schaumlöffel sie nennt. Zum Beispiel Ribana, die zum Schlachter sollte, weil sie als böse und gefährlich galt, die schreckhafte, hypersensible Dakota, die ihre frühere Besitzerin als unreitbar abgab, oder Gandhi, der viel zu mager ist und auf dem Hof erstmal 150 Kilo zunehmen soll.

Und Tinka. Warum die Stute anfangs so aggressiv war, wurde schnell klar: „Tinkas linkes Knie ist kaputt“, sagt Schaumlöffel, „sie wurde aber trotzdem geritten und hatte natürlich höllische Schmerzen.“ In Melgershausen kann sich Tinka nun ausruhen, geritten wird sie nicht mehr. „Seitdem kein Druck mehr auf sie ausgeübt wird, ist sie viel entspannter geworden“, sagt Antje Schaumlöffel. Sie hat früher selbst viel von ihren Pferden gefordert, ist Turniere geritten – aber irgendwann wollte sie das nicht mehr. „Pferde sind Individuen, keine Sportgeräte“, findet Schaumlöffel. „Sie sind nicht nur zum Reiten da.“ Man könne von Pferden sehr viel lernen. „Mir haben sie in den vergangenen zwei Jahren beigebracht, dass alles seine Zeit braucht“, sagt Schaumlöffel.

Die 36-Jährige will nicht nur Pferden, sondern auch Menschen helfen: „Zu uns kommen viele, die zum Beispiel nach einem Unfall Angst vor Pferden haben und sich wieder an die Tiere herantasten wollen“, erzählt sie.

Sechs Pferde auf dem Hof gehören Schaumlöffel und Birkenstock, die anderen wurden von ihren Besitzern dort eingestellt. „Ohne die Einsteller, die mit anpacken, würden wir das hier auch nicht schaffen“, sagt Klaus Birkenstock. Schließlich ist der Hof für das Paar nur ein Hobby: Er hat eine Vollzeitstelle in der Betonfertigung, sie arbeitet 30 Stunden pro Woche als Physiotherapeutin. Wenn die beiden von der Arbeit kommen, geht ihr zweiter Job los. Belohnt werden sie mit kleinen Erfolgserlebnissen. „Dass Tinka jetzt so friedlich neben uns steht – das hätte ich früher nicht für möglich gehalten“, sagt Antje Schaumlöffel.

Von Judith Féaux de Lacroix

Quelle: HNA

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