Plädoyers im Prozess

Weißenthalsmühle: Verteidiger warnt vor Supergau des Rechtsstaats

Kassel/Niedenstein. Im Prozess um die Brandserie in der Weißenthalsmühle Bei Niedenstein-Kirchberg haben die Verteidiger des Mühlenbesitzer-Paares am Freitag auf Freispruch ihrer Mandanten plädiert. Wie das Urteil ausfällt, will das Kasseler Landgericht am 25. Januar, ab 10 Uhr verkünden.

Rechtsanwalt Sven Schoeller, der Mühlenbesitzer Volker G. vertritt, begann sein rund zweistündiges Plädoyer gestern mit Grundsätzlichem: Wo - wie im Prozess um die Brandserie - die Aussage eines Angeklagten gegen die eines anderen stehe, müsse die Beweiswürdigung besonders strengen Anforderungen genügen, weil das Risiko eines Fehlurteils besonders hoch sei. „Jemanden, wie hier beantragt, für sechseinhalb Jahre in den Knast zu schicken, obwohl er nichts getan hat - das wäre für der Supergau für den Rechtsstaat“, betonte er.

Sechseinhalb Jahre Gefängnis hatte der Staatsanwalt für Volker G. gefordert und argumentiert, dieser sei des mehrfachen besonders schweren Betrugs zu Lasten einer Versicherung und weiterer Delikte schuldig. Die Vorwürfe gegen den 48-jährigen Mühlenbesitzer stützen sich primär auf die Aussagen seines Bekannten Jürgen K. (55), dem dritten Angeklagten in dem Prozess.

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Schoeller wertete K.s Aussagen in etlichen Fällen als widerlegt, in anderen als stark widersprüchlich oder sehr zweifelhaft. Ein Beispiel: Der Vorwurf, Volker G. habe im März 2008 mithilfe eines „Zeitverzögerungsmechanismus“ die Ausflugsgaststätte Weißenthalsmühle und seine darüber gelegene Wohnung selbst in Brand gesetzt, stütze sich allein auf den 55-Jährigen.

Doch Details zu dem Gespräch, in dem er davon erfahren haben wolle, könne K. nicht liefern. Und das Landeskriminalamt habe keinerlei Hinweise gefunden, dass überhaupt Brandstiftung vorlag.

Motive, warum K. auf dem Anwesen Brände gelegt und Fahrzeuge entwendet haben könnte, ohne vom Besitzer beauftragt worden zu sein, sah Schoeller durchaus. Und auch für falsche Bezichtigungen: „Derjenige, der den Kronzeugen gibt, hat im Strafprozess Vorteile.“ Der 55-Jährige, der über „40 Jahre praktische Erfahrung als Beschuldigter in Strafverfahren“ verfüge, wisse so etwas. Er sei dann auf der Verdachtshypothese einer „warmen Sanierung“ gesurft, die nach jedem Brand schnell kursiere.

Scharfe Kritik übte Schoeller an der Arbeit der Ermittlungsbehörden: Diese hätten sich von der Allianz-Versicherung „auf das Pferd setzen lassen“ und schließlich nur noch gegen deren Kunden Volker G. ermittelt - Spuren, die Entlastendes hätten ergeben können, sei nicht mehr nachgegangen worden.

Rechtsanwalt Werner Momberg, der Corinna S. verteidigt, hielt es für möglich, dass Jürgen K. mit seiner „Lebensbeichte“ versucht habe, seiner Sicherungsverwahrung vorzubeugen. „Ein Kandidat dafür wäre er gewesen“, so Momberg mit Blick auf die Vorstrafen des 55-Jährigen.

Jürgen K. selbst erklärte in seinem letzten Wort, er habe ein Lebensgeständnis abgelegt, um „reinen Tisch zu machen“. Volker G. betonte: „Es liegt nicht in unserer Lebensphilosophie, was uns hier vorgeworfen wird.“

Von Katja Schmidt

Quelle: HNA

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