Hagen Rether brachte in der Wolfhager Kulturhalle bittere Wahrheiten unters Volk

Plaudernd durchs Weltgeschehen

Spitzenauftritt: Hagen Rether und seine bösen Wahrheiten. Foto:  Sascha Hoffmann

WOLFHAGEN. Edel, im schwarzen Anzug mit Weste, betritt Kabarett-Charmeur Hagen Rether am Freitagabend die Bühne der voll besetzten Kulturhalle. Ganz sachte und leise beginnt er, mit der „handverlesen Wolfhager Kulturelite“ zu plaudern, über seine Heimat Essen, wo es Politessen gibt, „mehr als Prostituierte“. Er poliert seine Schuhe, zupft hier und da ein Fädchen vom edlen Zwirn und lockt das Publikum in bekannt charmanter Manier in seine Welt.

Doch irgendwas scheint anders am bekannten Fernsehgesicht, er hat sich einen Bart wachsen lassen. Der Grund: „Allein auf Tournee habe ich kein Haustier, jetzt kann ich den Bart kraulen“. Ähnlichkeiten zu Talibankämpfern sind auch dem Wortakrobaten nicht verborgen geblieben, da kommt der Bart als willkommener Pointenlieferant wie gerufen in der terrorgeschüttelten Vorweihnachtszeit.

„Um den 22. November kommen Terroristen ins Land, passen Sie auf, holen Sie die Blumen rein“, rät er und erklärt den noch zögerlich applaudierenden Zuhörern, wie sie sich beim Beifall verhalten sollen: „Klatschen Sie, wann immer Ihnen danach ist, Sie verpassen nichts, ich mache dann eine kleine Pause“.

Davon muss der mit Preisen hoch dekorierte Kabarettist dann nicht wenige einlegen, als er sich erst einmal warm geplaudert hat. Lässig sitzt er im bequemen Lehnsessel und erklärt die Welt. Was er zu sagen hat, ist allerdings eher unbequem. Mit spitzer Zunge lässt er zu sanften Pianoklängen kaum eine bürgerliche Überzeugung bestehen, von Politik über Religion bis hin zu Medien bleibt kein Bereich der Gesellschaft von seinen mal sensiblen, mal paranoiden Beobachtungen verschont. So enttarnt er die kleinen Skandale des Alltags als Ablenkungsmanöver, mit denen „die da oben“ die wirklich großen Affären zu vertuschen versuchen. In seinem Programm geht es um genau diese blinden Flecken, vielleicht auch deshalb der Titel Liebe, denn Liebe macht blind.

„Was soll das?“

Immer wieder stellt sich Rether die Frage „Was soll das?“ , fordert kopfschüttelnd die Abschaffung des Religionsunterrichts, während er die „Knutschkugel“ Dalai Lama zum „Peter Lustig für enttäuschte Christen“ ernennt und sich wundert, warum Bischoff Mixa eigentlich nicht mit Wetterfrosch Kachelmann in Untersuchungshaft sitzen musste. Die Lacher hat er auf seiner Seite, doch an manchen Stellen bleiben sie dem Publikum auch im Halse stecken, dann nämlich, wenn er mit gekonnt gesetzten Beobachtungen auf nicht weg zu redende Missstände hinweist. Die Rettung der notleidenden Banken etwa, während sozial schwache Menschen allein gelassen werden.

Die Botschaften kommen an, wohl vor allem deshalb, weil er darauf verzichtet, wie seine vielen Kabarettkollegen krampfhaft den Pointen hinterher zu jagen. Rether erzählt ganz unaufgeregt, rund drei Stunden lang, ohne den Spannungsbogen überzustrapazieren. Wie ihm das gelingt, bleibt allein sein Geheimnis, doch das ist auch egal, Hauptsache, das oft verstaubte Kabarett macht wieder Spaß.

Von Sascha Hoffmann

Quelle: HNA

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