Die Sekunde, in der Horst Weinrich erfuhr, dass er seine Frau verlieren wird

Plötzlich war alles anders

Ein Foto aus besseren Zeiten: Horst Weinrich betrachtet ein Bild, welches ihn und seine Frau Elisabeth am Tag ihrer Silberhochzeit 1998 zeigt. Kurz danach wurde bei ihr die unheilbare Nervenkrankheit Lateralsklerose festgestellt. Noch heute gibt die seltene Krankheit Rätsel auf. Foto: Auel

Balhorn. Eine große Kreuzfahrt sollte es sein. Kein Rummgeschipper auf der Donau – eine echte Tour über die Weltmeere hatten sie sich für ihren Ruhestand vorgenommen. Horst Weinrich und seine Frau Elisabeth hatten ihren gemeinsamen Lebensabend perfekt durchgeplant. Doch dann kam alles anders.

Lateralsklerose heißt die Krankheit, die die Pläne des Ehepaars aus Balhorn zunichte machte. Die Nervenerkrankung sorgt dafür, dass nach und nach alle Muskeln ihren Dienst versagen. Irgendwann ist der Mensch selbst zum Atmen viel zu schwach. Eine Heilung war vor elf Jahren ausgeschlossen.

Mit kleinen Missgeschicken fing alles an. Da wusste die Familie noch nichts von der Krankheit. Elisabeth Weinrich arbeitete im Büro der Landwirtschaftlichen Versuchsanstalt in Harleshausen. Das Tippen fiel ihr plötzlich richtig schwer. Zuhause beim Abspülen ging öfter was zu Bruch.

Kämpfte sie anfangs noch gegen die Symptome der Krankheit an, verließ Elisabeth Weinrich nach der endgültigen Diagnose sämtlicher Lebensmut. Die Frau, deren Mann sie einst als fröhlichen, offenen und lebensfrohen Menschen kennen gelernt hatte, kapselte sich ab. Zeitgleich wurde sie immer schwächer, bis ihr selbst die Kraft zum Sprechen fehlte.

Ein halbes Jahr hat Horst Weinrich seine Frau Zu Hause gepflegt. Zeit hatte er. Der heute 75-Jährige ehemalige Soldat und Fabrikarbeiter ist mit 58 Jahren in den Vorruhestand gegangen. Woher er die Energie dazu nahm, weiß er heute nicht mehr. „Bei unserer Hochzeit 1973 hatte ich ihr versprochen, für sie in guten und in schlechten Tagen zu sorgen“, sagt er.

Auch ihn verließ die Kraft

Doch irgendwann verließ auch ihn die Kraft. Horst Weinrich gab seine Frau in ein Pflegeheim. Ein Schritt, der nicht leicht für ihn war. „Ich hatte das Gefühl, sie dachte, ich lasse sie im Stich“.

Im September 2011 erfüllte sich die Prophezeiung der Ärzte. Elisabeth Weinrich starb im Alter von 59 Jahren. Obwohl er schon länger wusste, dass er sie verlieren würde, konnte Horst Weinrich den Tod seiner Frau nur schwer verkraften.

Heute, elf Jahre danach, hat er wieder gefangen. Große Pläne für die Zukunft macht Horst Weinrich nicht mehr. Aber die Kreuzfahrten, die holt er jetzt nach – mit einer neuen Frau an seiner Seite. „Vielleicht ist das makaber“, sagt er, „aber das Leben muss ja weiter gehen“.

Von Juri Auel

Quelle: HNA

Kommentare