Deutsches Rote Kreuz: Übung mit Alterssimulationsanzug

Plötzlich fast 100

So fühlt man sich im Alter: Martin Heide aus Ziegenhain im Anzug. Foto: Zerhau

Fritzlar. Wie es sich anfühlt, wenn im Alter die Beine schwer sind, die Arme nicht mehr voll einsetzbar sind und die Sicht getrübt ist, das erlebten jetzt viele Männer und Frauen aus dem Rettungsdienst am eigenen Leib.

Das Deutsche Rote Kreuz, der Malteser Hilfsdienst und der Rettungsdienst Heßler, die alle im Schwalm-Eder-Kreis mit den Rettungswagen (RTW) und den Notarzteinsatzfahrzeugen (NEF) im Einsatz sind, boten ihnen eine nicht alltägliche Fortbildung. Mit dem Alterssimulationsanzug und Gegenständen aus dem Reha- und Sportbereich stellten sie die Situation von alten Menschen im Alltag nach. Damit, sagte Lehrrettungsassistent Dirk Janetzko vom DRK, wolle man beim Rettungspersonal mehr Verständnis fürs Leben alter Menschen wecken.

Verständnis für das Alter

Die „jungen Wilden“ sollen deshalb bei der Fortbildung mit dem Alterssimulationsanzug am eigenen Leib erleben, wie es ist, wenn man sich zwar noch flott bewegen möchte, es aber einfach nicht mehr geht, weil man schon gebrechlich ist.

Der simulierte Alterungsprozess ging in wenigen Minuten vonstatten, vollzog sich also quasi von Null auf 100. Als Hilfsmittel für die Simulation wurde ein Gesichtsschutzschild genutzt, wie es Holzfäller benutzen. Auf die Kunststoffscheibe wurde eine Folie geklebt, die die Sicht trübt und sie noch dazu stark einengt. Kopfhörer simulierten schlechtes Hören und eine Halskrause den Bewegungsgrad. Und Schienen an Armen und Beinen schränkten zudem die Beweglichkeit ein und Gewichte an Armen und Beinen sorgten für schwere Gliedmaßen. Zum Schluss bekamen die Testgänger noch Handschuhe an, die die Feinmotorik der Händen einschränkte. Beim Anlegen waren die Teilnehmer noch guter Dinge, doch als sie in einem Overall mit all den künstlichen Beeinträchtigungen drunter auf den Parcours geschickt wurden, verging ihnen schnell das Lachen.

Schon ein simulierter Einkauf brachte die Teilnehmer schwer ins Schwitzen: Mit all den Einschränkungen fiel ihnen bereits der Griff nach Lebensmitteln aus den oberen Regalen und das Bezahlen an der Kasse schwer.

Beim nächsten Test ging es auf den Hof. Dort mussten die Testgänger im Anzug in ein Auto einsteigen, sich angurten und wieder aussteigen. Was sonst in wenigen Sekunden erledigt war, dauerte hier Minuten. Zum Schluss ging es wieder die Treppen rauf und endlich durften die Teilnehmer die Sachen ablegen, die ein normales Fortbewegen so schwierig gemacht hatten.

Alte und behinderte Menschen aber haben nicht die Möglichkeit, ihre Situation zu ändern, sagte Dirk Janetzko: Sie müssen mit all ihren Einschränkungen weiter leben.

Anzüge zum Ausleihen

Spezielle Firmen verleihen diese Anzüge. Das DRK hat sich die einzelnen Ausrüstungsgegenstände für 600 Euro nun selbst gekauft und bildet die Rettungskräfte damit aus. Auch Schulen, Altenheime und Krankenpflegeeinrichtungen können den Anzug ausleihen. Sie können ihren Schülern damit die Chance geben, selbst zu spüren, wie es sich anfühlt, plötzlich fast 100 Jahre alt zu sein.

Kontakt: Deutsches Rotes Kreuz, Dirk Janetzko, Geismarstraße 29 Fritzlar, Telefon: 05622/2069. E-Mail: janetzko@drk-schwalm-eder.com

Von Peter Zerhau

Quelle: HNA

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