Plötzlich hatte er eine Familie

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Zwei Pässe, eine Familie: von links Marion Quentin, Hans Ziegeler, ihr Neffe Michael Woodford und Ursula Krell.

Wabern/Tampa. Ursula Krell macht nicht gerne die Tür auf, wenn sie nicht weiß, wer davor steht. So war es auch vor ein paar Tagen, als es klingelte. Sie schaute aus dem Fenster und entdeckte einen Mann, der irgendwann zwei Pässe vor die Scheibe hielt.

Auf einem erkannte Ursula Krell das Foto ihrer verstorbenern Schwester Anita. „Das ist meine Schwester“, rief sie, und der fremde Mann antwortete in einer für sie fremden Sprache: „No, that’s my mum.“

Eine Nachbarin, die Englisch spricht, konnte helfen, und es stimmte: Anita, die Schwester von Ursula Krell, ist die Mutter des Mannes, der aus den USA angereist war. Michael Woodfords Suche nach seinen Wurzeln hatte ein Ende gefunden und er hatte plötzlich gleich reihenweise Onkel, Tanten, Cousins und so weiter.

Begonnen hat die ungewöhnliche Geschichte über zwei Kontinente vor beinahe 50 Jahren. Michael war damals vier Jahre alt, als seine Mutter mit ihm in die USA zog. Anfang der 70er-Jahre nahm sie sich das Leben.

Der andere Teil der Familie versuchte immer mal wieder, Kontakt zu Michael aufzunehmen, aber die Suche misslang, erzählt Ursula Krell. Und Michael Woodford, der inzwischen in Tampa, Florida, lebt, ging es nicht anders.

Erst Anfang dieses Jahres erfuhr der 53-Jährige, dass sein Vater tatsächlich sein Stiefvater ist. Wer sein leiblicher Vater ist, weiß er bis heute nicht, auch die Schwestern seiner Mutter kennen ihn nicht.

Für Woodford war das Gespräch mit seinem Stiefvater Anlass, auf Spurensuche zu gehen. Mit dem Pass der Mutter und seinem eigenen Pass aus Kindertagen in der Tasche, den er vom Stiefvater erhalten hatte, buchte er eine Reise.

Der Pass, das war zu erkennen, war in Kassel ausgestellt worden. Dort, so erzählt Woodford, traf er auf eine besonders freundliche Mitarbeiterin.

Dieser gelang es, über Urkunden und alte Akten die Querverbindung zu Ursula Krell zu ziehen. Woodford bekam die Adresse und fuhr nach Wabern.

Tage später saß er im Kreise seiner neuen, alten Familie und ließ sich Fotos aus seiner Kindheit zeigen. Schwarz-weiße Bilder und Anekdoten seiner Onkel, die er vor ein paar Tagen noch nicht kannte.

Nein, all das habe er nicht erwartet, als er nach Deutschland aufbrach. Unglaublich sei das, sagt Michael Woodford und fügt hinzu: „It’s been a long time coming.“ – Das heißt so viel wie: „Es hat ganz schön lange gedauert.“ Das stimmt: 49 Jahre lang, um es ganz genau zu sagen.

Von Olaf Dellit

Quelle: HNA

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