Joachim Jaeger

Interview mit Probst im Ruhestand: „Das politische Wunder meines Lebens“

Die Sankt-Johannes-Apostel-Kirche in Dingelstädt: Vor der Wende halfen Christen aus Felsberg und Böddiger beim Renovieren des fast baufälligen Gotteshauses, das vor 25 Jahren mit Probst Joachim Jaeger wieder eingeweiht wurde. Foto: Schaake

Dingelstädt/Felsberg. Joachim Jaeger, Probst im Ruhestand, im Interview: Wie Christen in Ost und West vor 25 Jahren zur Wende beitrugen.

Auch über die Mauer hinweg verband die Christen aus Felsberg in der Bundesrepublik und Dingelstädt in der DDR eine enge Freundschaft.

So spendeten Gemeindemitglieder aus Felsberg und Böddiger noch vor der Wende das Material für die Sanierung der Sankt-Johannes-Apostel-Kirche in Dingelstädt. Beim Dank-Gottesdienst fand Propst Joachim Jaeger 1989 deutliche Worte: „Es geht so nicht weiter. Unser Land ist krank. So kann man mit unserem Land nicht umgehen.” 25 Jahre nach der Wende sprachen wir mit Jaeger darüber, wie er den Umbruch in der DDR erlebte.

Woher haben Sie damals den Mut genommen, selbst in Anwesenheit hoher SED-Funktionäre solch deutliche Worte zu sagen? 

Jaeger: Über Mut haben wir in jenen Wochen gar nicht nachgedacht. Wir Pfarrer haben zwar schon jahrelang in unseren Predigten unsere Meinung zur politischen Situation gesagt. 1988/89 gab es klare Anzeichen, wir müssen noch deutlicher, noch entschiedener reden. Wir hatten das Gefühl, dass die DDR in einen Schwächezustand geraten war. Sie agierte nicht mehr, sie reagierte nur noch. Wir wussten auch, dass ein schwächelnder Staat besonders aggressiv werden kann, denn die DDR war eines der am meisten bewaffneten Länder, ein waffenerstarrendes Land. Dieser Staat konnte sich die Verhaftung eines Pfarrers kaum noch leisten.

Sie sprachen damals davon, dass das Land umbreche. Haben Sie die Wende gespürt? 

Jaeger: Wir haben gespürt, das Land müsste sich ändern. So konnte es nicht mehr weitergehen. Die Menschen liefen davon. Nach innen war alles verkrustet. Wir wollten eine offene DDR mit Meinungsvielfalt und Reisefreiheit, mit demokratischen Wahlen und juristischen Einspruchsmöglichkeiten. An eine mögliche Wiedervereinigung hat kaum einer gedacht.

Wie sehen Sie die Entwicklung heute? 

Jaeger: Sehr positiv. Für mich ist die Wende oder besser die friedliche Revolution in der DDR nach wie vor das politische Wunder meines Lebens. Die Welt war nach dieser Revolution eine andere. Daran haben viele DDR-Bürger mitwirken dürfen, eine einzigartige Gelegenheit, wie sie nicht jeder Generation geschenkt wird. Wir haben dafür auch manches riskiert. Dass es eine friedliche Revolution wurde und blieb, ist nicht nur unserer strikten Gewaltlosigkeit zu verdanken, sondern auch der mir rätselhaften Zögerlichkeit oder Besonnenheit der Bewaffneten auf der anderen Seite. Sie hätten schießen können, aber sie taten es nicht!

Welche Bedeutung hatte die Hilfe aus Felsberg und Böddiger bei der Renovierung der Kirche in Dingelstädt? 

Jaeger: Durch die praktische Hilfe aus westdeutschen Partnergemeinden sind viele Kirchengebäude in der DDR vor dem Verfall gerettet worden. Keiner kann heute sagen, was aus der Dingelstädter Kirche geworden, wenn die Partnergemeinde nicht zu Hilfe gekommen wäre.

Was haben die Besuche aus dem Westen vor der Wende gebracht? 

Jaeger: Christen in der DDR galten aus der Sicht der herrschenden Ideologie als Vertreter einer vor- oder unwissenschaftlichen, eigentlich sogar reaktionären Weltanschauung. Besuche aus den Partnergemeinden empfanden wir als Wertschätzung und als ein Stück Solidarisierung, die uns guttat. Das gemeinsame Singen und Beten, das intensive Gespräch, die praktische Hilfe - das alles hat uns gestärkt. Diese Stärkung hat schließlich dazu beigetragen, dass die evangelischen Gemeinden und die Kirchen in der DDR in der Wende eine entscheidende Rolle spielen konnten. Die Partnerschaften trugen indirekt dazu bei, dass es zur Wende kam.

In den Kirchengemeinden in Ost und West fanden viele Jahre Friedensdekaden statt. Hat man sich dabei über Grenzen hinweg gegenseitig inspiriert? 

Jaeger: Ja. In jeder dieser jährlichen Nachdenk- und Gebetswoche jeweils im Herbst spielte der Gedanke der Gewaltlosigkeit eine zentrale Rolle. Im Herbst 1989 praktizierten wir konsequent die Gewaltlosigkeit. Sie war ein wesentliches Merkmal dafür, dass unsere Revolution gelingen konnte.

Von Manfred Schaake

Quelle: HNA

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