Porträt: Carmen Langlotz lebt seit 30 Jahren ohne Nierenfunktion

Die Patientin und ihr Arzt: Carmen Langlotz ist seit zwölf Jahren in Behandlung bei Nephrologe Dr. Roman Günthner. Jeden Montag, Mittwoch und Freitag wird die 47-Jährige an die Dialysemaschine angeschlossen. Foto:  Berger

Melsungen. Wenn die Nieren nicht mehr wollen, hängt das Leben am seidenen Faden. Davon kann Carmen Langlotz ein Lied singen. Die 47-jährige frühere B. Braun-Mitarbeiterin aus Hessisch Lichtenau lebt seit 30 Jahren ohne Nierenfunktion, hat zwei Transplantationen hinter sich, hängt an der Dialyse.

Jeden zweiten Tag muss sie im Melsunger Dialysezentrum von Dr. Roman Günthner ihr Blut waschen lassen. Das dauert jeweils vier bis fünf Stunden. Ihre Niere steht gewissermaßen 20 Kilometer von daheim entfernt.

Schon mit 17 Jahren begann der Leidensweg der Frau, die seitdem kein normales Leben mehr führen kann. „Von heute auf morgen wurde ich furchtbar krank, musste wochenlang täglich brechen“ - nach jedem Bissen Nahrung, nach jedem Schluck Wasser. Der Hausarzt habe sie wieder heimgeschickt, erzählt Carmen Langlotz. Erst als sie eines Morgens aufwachte und komplett erblindet war, handelten die Ärzte. Aber da war es bereits zu spät, ihre Nieren zu retten. Was passiert war - niemand weiß es. Bis heute.

Gift im Körper

„Mein damaliger Freund brachte mich gleich ins Krankenhaus, und dort wurde festgestellt, dass mein ganzer Körper bereits vergiftet gewesen war“, erzählt die 47-Jährige. Ihre Nieren seien völlig ohne Funktion gewesen und konnten ihre Aufgabe nicht mehr wahrnehmen, das Blut von Giftstoffen zu reinigen, die über die Nahrung aufgenommen werden.

Was dann folgte, hat Carmen Langlotz „wie einen schlechten Film“ in Erinnerung: Sie wurde in eine Nierenklinik eingeliefert, fiel vier Wochen ins Koma. „Mein ganzer Körper war völlig ausgemergelt“, sagt die 47-Jährige. Von diesem Zeitpunkt an war klar: Ein gewöhnlicher Lebensweg war für Carmen Langlotz Utopie. Sie konnte keine Ausbildung absolvieren, musste sogar die Schule schmeißen. „Eigentlich wollte ich Bereiterin werden, denn Pferde waren immer meine große Leidenschaft“, sagt die Dialysepatientin. „Aber daraus ist nie was geworden.“

Zwei Nierentransplantationen musste Carmen Langlotz über sich ergehen lassen, die erste 1991, die zweite folgte zehn Jahre später. Die Spenderorgane funktionierten jedoch jeweils nur einige Jahre, nach den dialysefreien Zeiten musste Carmen Langlotz wieder ans Blutwäschegerät.

Seit 1999 ist sie Patientin des Melsunger Nephrologen Dr. Günthner. „Ich kann nichts planen, kann mir nichts vornehmen, weil die Krankheit immer präsent ist“, sagt Carmen Langlotz. Einzig ihre beiden Yorkshireterrier und ihr Ehemann seien ihr Lebenselixier. „Vor allem, seit ich gar nicht mehr arbeiten kann."

Trotz ihrer schwerwiegenden Gesundheitsprobleme war Carmen Langlotz 23 Jahre lang berufstätig, und zwar in der Produktion bei B. Braun. Und das war kein Zuckerschlecken: „Nachts hing ich an der Dialyse, tagsüber habe ich Geld verdient.“

Bis eines Tages ein Operationsfehler passierte. „Ich sollte einen Shunt in den Arm implantiert bekommen“ - das ist ein operativ angelegter Kurzschluss zwischen Vene und Arterie, damit bei der Dialyse der Blutfluss ausreichend ist. Dabei, so Carmen Langlotz, habe der operierende Arzt ihr Sehnen und Nerven im Oberarm durchtrennt. Der Arm begann, allmählich abzusterben, die Ärzte konnten ihn schließlich vor einer Amputation retten.

An Arbeit ist für Carmen Langlotz seither nicht mehr zu denken. „Seit dieser Zeit existiere ich nur noch für meine Krankheit“, erzählt die unerschrockene Frau, die jeden zweiten Tag etliche Stunden bei der Blutwäsche in Melsungen zubringt. „Aber das kann mir den Alltag nicht vergällen“, sagt sie; „ich habe mich daran gewöhnt.“ (zbg)

Hintergrund

Dialyse und Weltnierentag

Bei der Blutwäsche übernimmt das Dialysegerät bei Patienten mit Nierenfunktionsstörungen die Funktion einer künstlichen Niere und reinigt das Blut von Giftstoffen, die der Mensch über seine Nahrung tagtäglich aufnimmt. Nach Angaben des Melsunger Nephrologen Dr. Roman Günthner werden Funktionsstörungen der Nieren allgemein deutlich unterschätzt: „Immerhin tut eine solche Niereninsuffizienz nicht weh, deshalb werden viele Fälle nicht frühzeitig erkannt.“

Der Weltnierentag am 10. März ist ein internationaler Aktionstag, der ins Bewusstsein rücken soll, wie wichtig die Nierenfunktion für die Gesundheit ist und wie man Nierenerkrankungen vorbeugen kann. Seit 2006 wird er am zweiten Donnerstag im März in über 100 Ländern begangen. (zbg)

www.dgfn.eu

Quelle: HNA

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