Posch und Köhler zum Tod von Dieter Hildebrandt und zum Kabarett

Alte Hasen im Kabarettismus: Isolde Posch und Bernd Köhler alias Justus Riemenschneider. Beide standen viele Jahre mit den Bartenschwätzern gemeinsam auf der Bühne.

Melsungen. Mit dem Kabarettwettbewerb Scharfe Barte ist Melsungen in der Szene zwar deutschlandweit bekannt, aktive Nachwuchskünstler sind Mangelware.

Nach dem bedauerlichen Tod von Dieter Hildebrandt, Deutschlands wohl renommiertesten Kabarettisten, haben wir uns mit den Melsunger Urgesteinen Isolde Posch und Bernd Köhler auf eine Zeitreise und Ursachenforschung begeben.

Bernd Köhler werden viele eher als Justus Riemenschneider denn als Juwelier kennen. Sein alter Ego ist scharfzüngiger Kritiker des Weltgeschehens im Kleinen und im Großen.

Seit mehr als 40 Jahren steht der Melsunger auf der Bühne auch der eigenen weiterzugeben hätte er viel: "Das ist aber gar nicht so einfach. Ich wüsste nicht, wie ich einem jungen Menschen politisches Kabarett beibringen soll." Er selbst sehe regelmäßig talentierte junge Menschen zum Beispiel bei bunten Abenden an den Schulen, aber viele gingen dann auch weg.

Und schlügen einen anderen Weg ein, sich auszudrücken, ergänzt Isolde Posch. Es gebe mehr Ausdrucksmöglichkeiten als zu ihrer Anfangszeit Mitte der 1960er-Jahre. "Poetry Slam, Rap und besonders die Comedy haben dem Kabarettismus den Rang abgelaufen", sagt sie.

Viele Jahre stand die pensionierte Schulleiterin mit Köhler im Kabarett-Ensemble Bartenschwätzer auf der Bühne. Ihre ersten Gehversuche hatten beide unter Diakon Erwin Schöppner, der auch den Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) leitete. Über die Studentenbühne in Gießen verschlug sie es schließlich wieder nach Melsungen.

Die neuen Ausdrucksformen findet Posch gut. Im Gegensatz zum Kabarett vermisst sie aber die politische Dimension: "Wir wollten provozieren und auf Missstände aufmerksam machen." Es habe aber auch immer große Themen, Generalprobleme gegeben, sagt Köhler. Waldsterben, Atomenergie und vor allem Politiker mit vielen Ecken wie Franz-Josef Strauß und Kohl.

"In der heutigen Zeit ist vieles beliebig, ein Skandal jagt den nächsten, die Halbwertzeit von Aufregung hat rapide abgenommen", sagt Köhler und unterstreicht: "Zu Kabarett gehört ganz viel Frust, Ärger und Humor."

"Und Anspruch", ergänzt Posch. Köhler lacht: "Die Programme waren so vielschichtig, ohne den Spiegel gründlich gelesen zu haben, verstand man doch viele Anspielungen gar nicht."

Es zöge ja auch jetzt viele junge Menschen auf die Bühne, das seien aber leider meist so Formate wie "Deutschland sucht den Superstar". Viele junge Leute surften so durch die Welt, sagt er.

Kabarett sei eine wichtige Kunstform. Das kulturelle Leben wäre ärmer ohne es. "Wir müssen der Jugend Anregungen geben", sagt Isolde Posch. Projekttage an Schulen, Raum für das Thema im Deutschunterricht.

Und Raum, sich auszuprobieren, denn Kabarettismus könne man schlecht lernen, man müsse ihn machen, sagt Köhler. Die Scharfe Barte sei ein probates Mittel, sagt Posch in deren Jury sie sitzt.

Seit Jahren kämen fast nie junge Talente nach, dass zeige, wie es um den Nachwuchs bestellt sei.

Von Damai D. Dewert

Quelle: HNA

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