Problem: Arbeitslosigkeit im Alter - Heidemarie Greve wagt Neuanfang mit über 50

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Verkäuferin Heidemarie Greve (von links), Unternehmer Hans-Jürgen Pietsch und Ulrich Schmittdiel, Geschäftsstellenleiter der Schwalmstädter Arbeitsagentur.

Neukirchen. Heidemarie Greve aus Neukirchen hat in ihrem Leben schon viel erlebt. Beispielsweise zwei Insolvenzen ihrer Arbeitgeber. Seit über 20 Jahren arbeitet die gelernte Verkäuferin im Fleischfachhandel.

Im Dezember 2009 meldete ihr damaliger Arbeitgeber Insolvenz an. Für die 52-Jährige war das ein Schock. "Ich hatte Existenzängste", erinnert sich Heidemarie Greve. "Wenn man über 30 Jahre alt ist, ist es nicht so einfach, eine neue Stelle zu finden. Sowas will ich nicht noch einmal erleben."

Besonders dann nicht, wenn man das 50. Lebensjahr schon überschritten hat. Denn die 50- bis 65-Jährigen haben es besonders schwer, noch einmal eine neue Stelle zu finden. Doch die Mutter von vier Kindern machte alles richtig und hatte Glück. Im Januar meldete sie sich bereits bei der Arbeitsagentur in Schwalmstadt arbeitssuchend, obwohl ihr Arbeitsverhältnis erst Ende März endete.

So wurde Arbeitsvermittler Günter Felgenhauer tätig. Er rief bei verschiedenen Firmen an und arrangierte kurzfristig ein Vorstellungsgespräch bei der Metzgerei Pietsch. Dort klappte es für Heidemarie Greve auf Anhieb. Ohne arbeitslos zu werden, konnte sie ab April vergangenen Jahres dort arbeiten. Heidemarie Greve ist mit ihrer neuen Arbeitsstelle und dem Engagement der Schwalmstädter Agentur zufrieden: "Es ist so gelaufen, wie man es sich wünscht."

Und auch ihr neuer Chef ist froh. "Wir haben eine flexible Arbeitskraft mit Erfahrung gesucht, die wir wechselweise in zwei unserer Filialen einsetzen können", erzählt Hans-Jürgen Pietsch. "Dafür bieten sich vor allem ältere Arbeitnehmer wie Frau Greve an, weil ihre Kinder schon groß und relativ selbstständig sind", meint der Inhaber von fünf Metzgerei-Filialen und Chef von 40 Mitarbeitern und fügt hinzu: "Die Lebenserfahrung älterer Menschen kann man nicht kaufen." Das sieht auch Ulrich Schmittdiel, Geschäftsstellenleiter der Schwalmstädter Arbeitsagentur, so: "Ältere Arbeitnehmer sind meist flexibler, weil sie ungebundener sind. Ihre Loyalität zum Betrieb ist höher, sie sind stressresistenter und sie haben mehr Lebens- und Berufserfahrung."

Trotzdem scheuen sich viele Chefs noch immer, ältere Arbeitskräfte einzustellen. "Ihr Gehalt ist natürlich höher als das von Berufseinsteigern", nennt Arbeitsamtsleiter Schmittdiel einen der Gründe, warum es ältere Menschen schwerer auf dem Arbeitsmarkt haben. Doch Fachkräfte werden allein schon wegen des demografischen Faktors rar.

Außerdem kann die Einstellung Älterer gefördert werden. "Bis zu 50 Prozent Zuschüsse gibt es ein Jahr lang von der Arbeitsagentur", sagt Schmittdiel. Und Unternehmer Hans-Jürgen Pietsch erklärt: "Die Förderung hilft in der Einarbeitungszeit, die Hemmschwelle, ältere Arbeitnehmer einzustellen, zu überwinden." Schon mehrere Kräfte hat er auf diese Weise gefunden. Alle haben jetzt einen unbefristeten Arbeitsplatz.

Hintergrund: Die Zahl älterer Arbeitsloser steigt kreisweit an

Die Arbeitslosenzahlen im Schwalm-Eder-Kreis sinken. Doch im Gegensatz zu diesem Trend werden immer mehr ältere Menschen im Landkreis arbeitslos, und zwar in allen drei Geschäftsstellenbereichen der Arbeitsagentur im Schwalm-Eder-Kreis, in Schwalmstadt, Fritzlar und Melsungen.

Lag die Arbeitslosenquote der 50- bis 65-Jährigen im Januar vergangenen Jahres beispielsweise im Bereich Schwalmstadt noch bei 7,7 Prozent, so stieg die Quote diesen Januar auf 8,1 Prozent. Im Arbeitsagentur-Geschäftsstellenbereich Fritzlar nahm die Quote der älteren Erwerbslosen im Januar gar um 24 Prozent zu im Vergleich zum Januar 2010.

Hessenweit lag die durchschnittliche Arbeitslosenquote der über 50-Jährigen im Januar bei 7,3 Prozent.

"Ein Grund für die hohen Zahlen ist sicher, dass der Altersdurchschnitt im Schwalm-Eder-Kreis höher ist als der hessische Durchschnitt", erklärt Ulrich Schmittdiel, Geschäftsstellenleiter der Schwalmstädter Arbeitsagentur und fügt hinzu: "Im Schwalm-Eder-Kreis setzen außerdem noch viele Unternehmen besonders auf junge Angestellte." Schmittdiel hofft aber, dass sich dies ändern wird. "Durch den demografischen Wandel benötigen wir auch ältere Fachkräfte", sagt er.

Von Michael Schorn

Quelle: HNA

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