HNA-Interview: Bernd Kördel über die Anhörung zur geplanten 380-Kilovolt-Leitung

Als sei Protest gewollt

Stromautobahn: 380-Kilovolt-Leitung im Kreis Trier-Saarburg mit Monteuren bei Arbeiten in einem Fahrwagen. Foto: dpa

Kreisteil Melsungen. Die Bürgerinitiative „Keine 380-kV-Leitung Schwalm-Eder“ ist von einem Kasseler Erörterungstermin zur Höchstspannungsleitung in der Region (wir berichteten) schwer enttäuscht. Über die Gründe äußerte sich Sprecher Bernd Kördel (Guxhagen) am Dienstag im HNA-Interview.

Die Bürgerinitiative „Keine 380-kV-Leitung“ will unter anderem größere Abstände der Leitung zur Wohnbebauung. Was haben Sie jetzt beim Kasseler Erörterungstermin im Regierungspräsidium erreicht? Bernd Kördel: Nichts. Die Genehmigungsbehörden sind auf keine unserer Vorschläge eingegangen. Das gilt sowohl für Mindestabstände zur Ortsbebauung wie zu Einzelgebäuden. Auch Vorschläge für Erdkabelabschnitte wurden abgebügelt.

Zur Unterstützung hatte die Initiative eine Wissenschaftlerin der Deutschen Umwelthilfe dabei. Hat auch das nicht gefruchtet? Bernd Kördel: Die Bürgerinitiative ist nicht anders behandelt worden als andere. Wir haben unsere Forderungen mit Städten und Gemeinden im Kreisteil abgestimmt und beispielsweise genauso wie die Gemeinde Körle Vorschläge für eine Trassenvariante durch den Wald gemacht, um den Kindergarten im Mülmischtal zu schützen. Aber ob nun Umwelthilfe, Bürgerinitiative oder Gemeinde – mein Eindruck war einfach der, dass für die Genehmigungsbehörden die Reihenfolge Wald, Tier, Mensch gilt. Für uns dagegen kommt der Mensch zuerst und dann das Tier und der Wald.

Das klingt gut. Nur: Greift die Betrachtung an einigen Stellen nicht zu kurz? Das Schlagen einer Trasse durch den Wald ist doch nicht unproblematisch. Und auch dort sind unter Umständen Menschen auf Wanderwegen betroffen. Auch kann die Höchstspannungsleitung doch nicht mit Rücksicht auf die Wünsche der Gemeinden insgesamt im Zickzack verlegt werden.

Bernd Kördel: Einspruch. Wir haben sehr wohl das Ganze im Blick. Der Witz ist doch, dass viele unserer Vorschläge mit denen aus Körle, Guxhagen, Morschen und Melsungen abgestimmt und auf den ganzen Kreisteil Melsungen und darüber hinaus bezogen sind. Selbst die Forstverwaltung hat nichts gegen eine Trasse durch den Wald, weil überwiegend Wirtschaftsflächen betroffen wären – und trotzdem wollen die Genehmigungsbehörden das nicht. Da bekommt man den Eindruck, als wollten die Behörden den Protest, als würden sie sich durch das Verfahren den Gegner erziehen.

Vertreter der Bürgerinitiative haben sich tagelang in die Planungsakten eingearbeitet. 8000 Einsprüche und Stellungnahmen waren zu sichten. Das kann doch nicht ein einziger Papiertiger sein, oder? Bernd Kördel: Wir haben die Firma Tennet, die ja die Strom-Trasse bauen will, direkt auf den Widerstand angesprochen und gefragt, warum habt ihr bis heute nicht mit den Gemeinden geredet? Die Antwort war: keine Zeit, eine Freileitung ist genauso sicher wie Erdkabel. Es ist die alte Leier, die ich schon kenne.

Bislang hat sich die Bürgerinitiative bei der Höchstspannungsleitung ja nicht völlig quer gestellt. Soll sich das jetzt ändern?

Bernd Kördel: Wir sind total unzufrieden, werden aber zunächst die offiziellen Stellungnahmen der Genehmigungsbehörden abwarten und das Gespräch mit dem Wirtschafts- und dem Umweltministerium suchen. Allerdings nehme ich auch kein Blatt vor den Mund: In den Akten habe ich entdeckt, dass das Umweltministerium keine Stellungnahme abgegeben hat. Das heißt doch: die sind einverstanden – und doch verbreitet Staatssekretär Mark Weinmeister aus dem Umweltministerium in seinem Heimatort Guxhagen gegenteilige Ansichten. Da erwarten wir eine Erklärung.

Von Lorenz Grugel

Quelle: HNA

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