Opfer und einziger Zeuge soll verstorben sein

Prozess gegen Drogendealer: Ein Toter und viele Fragen um den Kronzeugen

Kassel/Homberg. Die Beschuldigungen kommen – sozusagen – aus dem Jenseits. Seit Dienstag verhandelt das Kasseler Landgericht über die Berufung dreier Männer aus Homberg, Dresden und Kassel, die im Januar vom Amtsgericht zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden waren.

Unter anderem weil sie mit Kokain gedealt und dabei einen säumigen Kunden in Kassel recht rüde zum Zahlen aufgefordert haben sollen - nämlich indem sie ihm den Griff eines Baseballschlägers in den After bohrten.

Ihr mutmaßliches Opfer war dafür der einzige Zeuge. Doch schon beim erstinstanzlichen Prozess war der 25-Jährige schwer krank. Und mittlerweile ist er gestorben, was der neuerlichen Verhandlung einen morbiden Charakter gab und viele Fragen aufwarf: Wie kann jemand aussagen, der nicht mehr lebt? Wie soll die Glaubwürdigkeit eines Toten beurteilt werden? Aber auch: Ist der Mann wirklich tot?

Die Verteidigung zweifelt das an: Sie würde gerne eine Sterbeurkunde sehen. Schließlich habe der 25-Jährige als Kronzeuge gegen den einen oder anderen Drogendealer unter Zeugenschutz gestanden. Vielleicht also habe ihn die Polizei nur zum Schein sterben lassen, um ihm eine neue Identität geben zu können.

Blick in Melderegister

Das Gericht begnügt sich jedoch mit einem Blick ins Einwohnermelderegister: „Die Kammer“, sagt Richter Michael Reichhardt, „hat keinen Zweifel, dass der Zeuge verstorben ist.“ Seine Vorwürfe aber nahm der 25-Jährige nicht mit ins Grab. Immer wieder hat er ausgesagt, bei der Polizei, bei der Staatsanwaltschaft und schließlich vor Gericht. Und jeder Satz von ihm, der irgendwo protokolliert ist, muss jetzt vorgelesen werden – als Ersatz für die eigentlich nötige Befragung. Es ist ein schwacher Ersatz: Widersprüche können nicht mehr geklärt, Erinnerungslücken nicht mehr gefüllt werden.

Und davon gab es im ersten Prozess, jedenfalls nach Ansicht der Verteidigung, nicht wenige. Von einer „erhöhten Lügenkompetenz“ des Mannes spricht Rechtsanwalt Horst Korte und verweist auf die langjährige Drogenabhängigkeit. Über den Toten, so fordern es die Verteidiger und so beschließt es das Gericht, soll deshalb nun posthum sogar ein Glaubwürdigkeitsgutachten angefertigt werden. Auch wenn die beauftragte Psychologin das „nur unter Vorbehalt“ für möglich hält.

Angeklagte schweigen

Die Angeklagten hören sich all das schweigend an. Die beiden mutmaßlichen Haupttäter – 37 und 45 Jahre alt – äußern sich gar nicht. Der dritte – ein 34-Jähriger aus Homberg – lässt seinen Anwalt mitteilen, sämtliche Vorwürfe würden „vehement bestritten“. Für alle drei steht viel auf dem Spiel: Das Kasseler Amtsgericht hatte die Demütigung mit dem Baseballschläger als Vergewaltigung gewertet und Gefängnisstrafen von bis zu drei Jahren und acht Monaten verhängt.

Von Joachim F. Tornau

Quelle: HNA

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion