Prozess gegen Hansjörg L.: "Freundlich und zuvorkommend"

Fritzlar/Kassel. Chorherr Michael, wie Hansjörg L. im Orden hieß, konnte alles. Das sagen viele, mit denen er zu tun hatte. Er war freundlich und zuvorkommend, konnte reden, basteln, bauen.

Bei so einem lernte man schwimmen. Bruder Michael war für viele Kinder wichtiger als die eigenen Eltern. Die hatte sich mitunter getrennt. Oder die Mutter war krank und der Vater trank. Die Ministranten, die zu Hansjörg L. kamen, stammten nicht alle aus guten Verhältnissen.

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Vielleicht waren sie dafür empfänglich, besonders schnell Vertrauen zu dem Mann zu fassen, der nicht nur ihr Schullehrer, sondern auch ihre Beichtvater war. Ein Vertrauen, das der Priester auf übelste Weise missbrauchte.

Für den Vorsitzenden Richter Jürgen Stanoschek ist Hansjörg L. einfach ein Pädophiler. Einer, der seine Stellung ausnutzte, um seine sexuellen Vorlieben zu befriedigen. Dabei ging er subtil und planvoll vor. Er schürte Angst. Der Priester redete den Kindern ein, dass mit ihren Genitalien etwas nicht stimme. Er müsse das untersuchen, aus rein wissenschaftlichen Zwecken. Dass sie sexuell missbraucht wurden, war den Eljährigen zu Anfang vielleicht gar nicht klar.

Chorherr Michael ging nicht nur raffiniert vor, er war auch hartnäckig. Eines seiner Opfer musste jeden Mittwoch erscheinen. Pünktlich um 14 Uhr fanden die so genannten Untersuchungen statt. Alles wurde mit einer Videokamera festgehalten. Die Filme lud Hansjörg L. später auf seinen Computer.

1992 fingen die sexuellen Übergriffe des gelernten Sozialpädagogen und Erziehers an. Sechs Jahre später hatte auch die Ordensführung der Prämonstratenser in Fritzlar etwas aus dem engen Zirkel um die Minstranten läuten gehört. Man bestellte den Chorherrn Michael, der 1994 zum Priester geweiht worden war, ein. Doch der stritt alles ab. Und niemand unternahm etwas. Weitere fünf Jahre konnte Hansjörg L. ungestört seine Neigungen ausleben. Er missbrauchte die Ministranten im Fritzlarer Ordenshaus und auf Freizeiten. Sogar in den Urlaub nach Benidorm, wo die Eltern von Hansjörg L. eine Ferienwohung besitzen, nahm er Kinder mit. Und auch unter der spanischen Sonne standen die Untersuchungen auf dem Ferienprogramm.

Von Frank Thonicke

Quelle: HNA

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