Staatsanwältin fordert zwölf Jahre Gefängnis

Prozess wegen sexuellen Missbrauchs: Er soll nie wieder raus

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Die Vertreterin der Anklagebehörde forderte zwölf Jahre Haft und Sicherungsverwahrung: Das Foto zeigt Oberstaatsanwältin Andrea Boesken beim Prozessauftakt.

Kassel/Wolfhagen. Vom Besucheransturm des Prozessauftakts blieb am dritten Verhandlungstag lediglich noch ein laues Lüftchen. Nur wenige Zuschauerplätze waren besetzt, als am Freitag im Kasseler Landgericht der Missbrauchsprozess gegen den früheren Leiter des Einwohnermeldeamts von Wolfhagen fortgesetzt wurde.

Und die, die gekommen waren, mussten schon nach einer halben, mit Formalien gefüllten Stunde enttäuscht wieder abziehen.

Denn dann wollte die Strafkammer erst die Videoaufnahmen in Augenschein nehmen, die der 55-Jährige von sich und seinen Übergriffen gemacht hat – unter Ausschluss der Öffentlichkeit natürlich. Und anschließend sollte plädiert werden. Was ebenfalls ohne Publikum zu geschehen hatte, wie Richter Jürgen Dreyer zur Überraschung nicht nur der Zuschauer erklärte: Die entsprechende Gesetzesänderung war auch den meisten beteiligten Juristen entgangen.

„Keine günstige Prognose“

Und so konnte nicht beobachtet werden, wie der Angeklagte auf die Strafforderung der Staatsanwaltschaft reagierte. Wie er es aufnahm, dass er nicht nur für zwölf Jahre ins Gefängnis gehen, sondern wohl zeitlebens weggesperrt werden soll – in der Sicherungsverwahrung. Dem Mann, der schon seit 1980 von seinen pädophilen Neigungen weiß, sich aber nie behandeln ließ, sei „keine günstige Prognose zu stellen“, erklärte Oberstaatsanwältin Andrea Boesken nach der Verhandlung.

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Wie schwer die Taten des Wolfhagers wiegen, lässt sich eindrucksvoll an den von der Anklagevertreterin verlangten Einzelstrafen für die 177 Missbrauchsfälle ablesen: Würden sie einfach addiert, käme man auf 160 Jahre. Und auch die tatsächliche Gesamtstrafe, wie sie Boesken für angemessen erachtete, liegt nur drei Jahre unter der Maximalgrenze. Von einer „sehr vernünftigen Würdigung“ sprach Nebenklageanwalt Christian Stahl aus Bingen, der sich den Ausführungen der Staatsanwaltschaft anschloss. „Man muss sehen, wie schrecklich die Taten für die Opfer waren – selbst wenn sie es schaffen, sie zu verdrängen.“

Auch der Kasseler Rechtsanwalt Bernd Hoppe, der die mit heute 22 Jahren älteste der fünf Nebenklägerinnen vertritt, plädierte für Sicherungsverwahrung: Wenn das umstrittene Instrument überhaupt jemals zu rechtfertigen sei, dann in diesem Fall. „Meine Mandantin will, dass der Mann nicht noch einmal die Möglichkeit erhält, mit anderen Kindern zu machen, was er ihr angetan hat.“

Wenn am Montagmorgen die letzten Plädoyers gehalten sind, wird sich die Strafkammer zur Urteilsberatung zurückziehen – und dafür, wie Richter Dreyer ankündigte, wohl etwas länger brauchen: In dem fast 20-jährigen Tatzeitraum hätten sich die Strafvorschriften bei sexuellem Missbrauch nicht weniger als fünfmal geändert.

Hintergrund

Plädoyers ohne Öffentlichkeit

Bei Prozessen um Sexualstraftaten kann aus Rücksicht auf die Opfer oder andere Beteiligte zeitweise die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden. Sobald das im Laufe eines Verfahrens einmal geschehen ist, müssen seit dem 1. September 2013 auch die Plädoyers ohne Zuschauer gehalten werden. In Kassel geschah dies nun zum ersten Mal. Die neue Regelung ist eine von mehreren Gesetzesänderungen, um die Opferrechte zu stärken. Beschlossen wurden auch längere Verjährungsfristen.

Von Joachim Tornau

Quelle: HNA

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