Kerzen im Windhauch

Grubenunglück in Stolzenbach: Hilfsprogramm für Angehörige

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Für jeden Toten eine Kerze: „Eine Kerze hat einen ungeheuren Symbolwert“, sagt Prof. Wolfram Schüffel, der Hinterbliebende der Stolzenbach-Katastrophe betreute. Unser Bild entstand bei der Gedenkfeier 20 Jahre nach dem Unglück.

Borken. Wenige Tage nach dem verheerenden Grubenunglück von Stolzenbach am 1. Juni 1988 gab es einen Gedenkgottesdienst. Für jeden der 51 Toten wurde eine Kerze entzündet.

Von irgendwoher wehte ein Windhauch und alle zitterten, dass die Kerzen nicht ausgehen würden. Sie blieben an. „Eine Kerze hat einen ungeheuren Symbolwert“, sagt Professor Wolfram Schüffel.

Er war Leiter der Psychosomatik-Abteilung der Universität Marburg. Als er vor 25 Jahren im Radio von dem Grubenunglück erfuhr, handelte er sofort. „Es ist so wichtig, dass man zur Stelle ist“, sagte der heute 75-Jährige. Er fragte seine Mitarbeiter, wer mitkommen wolle und fuhr los.

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Wenige Stunden nach der Explosion war er mit seinem Team am Unglücksort, um Angehörigen und Hinterbliebenen ein Angebot zu machen. So entstand ein Hilfsprogramm, wie es Vergleichbares bis dato in Deutschland nicht gegeben habe, sagt Schüffel.

Bis zum Herbst 1988 trafen sich die Gruppen alle zwei Wochen, später in größeren Abständen – insgesamt drei Jahre lang. Gemeindebezogene Hilfe heißt das Konzept. Die Verantwortlichen, darunter Bürgermeister Bernd Heßler, seien weitsichtig gewesen und halfen mit.

Menschen kannten sich

Die Experten arbeiteten mit Menschen, die sich schon kannten, sie griffen, wie Schüffel sagt, auf ein „lebendes Netzwerk“ zurück. In diesen Gruppen wurde über das Erlebte gesprochen. „Man muss das Geschehene angehen und aufgreifen“, sagte der Psychosomatik-Professor. Auf die Fragen, ob man das schmerzhafte Erinnern nicht sein lassen könne und ob man nicht lieber Beruhigungsmittel geben solle, hat er eine klare Antwort: Nein, denn sonst drohten langfristige Folgeschäden.

Darüber reden, das empfahl Schüffel auch den sechs Überlebenden, die nach vielen Stunden aus der Tiefe gerettet wurde. Ihrem öffentlichen Rat, über die schockierenden Erlebnisse zu sprechen, sei es zu verdanken, dass nach der Flugkatastrophe in Rammstein im selben Jahr auch dort eine ähnliche, erfolgreiche Arbeit begonnen wurde.

Ohne die Gruppenarbeit, so glaubt Schüffel, hätte Borken als Gemeinde auseinanderfallen können, Teile hätten sich verfeindet. Es gebe Beispiele, wo so etwas passiert sei.

Spurlos ist das Unglück an niemandem vorbei gegangen. Als der Professor am Abend der ersten Gedenkfeier nach Hause kam, hatte er Schüttelfrost. Im Juni. Bei 35 Grad.

Von Olaf Dellit

Quelle: HNA

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