Männliche Tiere werden oft zum Verlustgeschäft

Ramschpreise für Stierkälber - Aufzucht lohnt oft nicht mehr

+
Niedlich, aber nicht viel wert: Für dieses 14 Tage alte Bullenkälbchen bekommt Landwirt Ralph Krug vom Viehhändler nur um die 60 Euro – früher war es das Doppelte.

Schwalm-Eder. Ein Kälbchen wird gleich nach der Geburt erschossen, obwohl es gesund ist: Dieses Szenario ist in Ländern wie Neuseeland, Irland und Italien Realität. Auch bei uns könnte es soweit kommen - denn mit Bullenkälbern verdienen Landwirte oft so wenig Geld, dass sich die Aufzucht der Tiere finanziell nicht mehr lohnt.

Eigentlich ist die Geburt eines Kälbchens auf dem Hof von Ralph Krug ein freudiges Ereignis. Doch wenn das Neugeborene ein kleiner Bulle ist, dann ist die Freude weniger groß. Denn ein Bullenkalb wird für den Landwirt aus Beuern schnell zum Verlustgeschäft.

„Früher habe ich für ein Kälbchen 120 bis 140 Euro bekommen, im Sommer sogar manchmal bis zu 180 Euro“, erinnert sich Krug. „Jetzt zahlen die Viehhändler nur noch 50 oder 60 Euro für ein Kalb.“

„Wenn wir in ein Bullenkalb 20 oder 30 Euro Tierarztkosten reinstecken, kriegen wir das oft nicht mehr raus.“

Das reicht kaum, um die Kosten für die Aufzucht des Kälbchens zu decken. Allein das Besamen einer Kuh kostet 30 Euro. „Wenn wir in ein Bullenkalb 20 oder 30 Euro Tierarztkosten reinstecken, kriegen wir das oft nicht mehr raus“, sagt Krug.

Da sei die Versuchung für die Milchbauern groß, ein Bullenkalb im Zweifel nicht ärztlich behandeln zu lassen - und notfalls den Tod des Tiers in Kauf zu nehmen. „Natürlich bin ich als Landwirt zu lebenserhaltenden Maßnahmen verpflichtet“, räumt Krug ein. „Aber das prüft letztlich keiner nach.“

Kälber seien inzwischen nur noch so viel wert wie Ferkel, sagt Krug. Doch während eine Sau im Jahr 26 Junge bekommt, wirft eine Kuh nur ein Kalb im Jahr. Wenn dieses Kälbchen weiblich ist, hat Krug Glück - denn er ist Milchbauer und freut sich über Nachwuchs bei den Milchkühen. Wenn das Kälbchen männlich ist, hat Krug keine Verwendung für das Tier: Er muss es verkaufen, und zwar innerhalb von sechs Wochen nach der Geburt. „Wenn sie älter sind, kann man sie als Kälber gar nicht mehr vermarkten“, erklärt Krug.

Die Viehhändler schauen regelmäßig auf dem Hof von Ralph Krug vorbei - doch es kommt vor, dass er ohne ein einziges Kälbchen wieder wegfährt. So auch diesmal: „Zu mager“, sagt der Händler über das zwei Wochen alte Bullenkälbchen, das Krug verkaufen möchte, „ich komme in zwei Wochen noch mal.“

Das sei nicht ungewöhnlich, sagt Krug: „Die Händler sortieren immer stärker aus - sie nehmen nur die Tiere mit, von denen sie halbwegs sicher sind, dass sie sie auch verkaufen können.“ Denn es komme auch vor, dass die Händler auf den Tieren sitzen bleiben.

Die Mastbetriebe hätten ein großes Angebot, aus dem sie die günstigsten Kälber auswählen könnten, erklärt Krug. Deshalb könnten sie auch die niedrigen Preise diktieren. Die Konkurrenz müssten die Mastbetriebe nicht fürchten: Es gebe nur noch wenige, große Abnehmer für Mastkälber, und die würden die Preise untereinander absprechen, schildert Krug.

Das sagt der Bauernverband:

„Wir bedauern den Preisverfall auf dem Kälbermarkt“, sagt Stefan Strube vom Kreisbauernverband. Vor allem für schwarz-bunte Kälber seien die Preise niedrig, da diese Rasse nicht gut für Mast geeignet sei. Für ein Bullenkalb werde derzeit zwischen 30 und 60 Euro geboten, je nach Qualität. „Das ist zu wenig, das ist klar.“ Allerdings gebe es Regionen, in denen die Preise noch schlechter seien: „In Nordrhein-Westfalen bekommt man für ein Kalb zum Teil nur noch 20 Euro.“ Schuld an den niedrigen Preisen sei die geringe Nachfrage. „In Deutschland ist Kälbermast ein Nischenmarkt“, erklärt Strube.

Die meisten Kälber aus Deutschland würden an Mastbetriebe in den Niederlanden geliefert. „Aber die beziehen auch günstigere Kälber aus Irland und Osteuropa, das drückt die Preise.“ Der Kreisbauernverband könne auf die Preisentwicklung keinen Einfluss nehmen: „Die Landwirtschaft unterliegt dem Marktgeschehen.“ (jul)

Von Judith Féaux de Lacroix

Quelle: HNA

Kommentare