Interview: Ein Aussteiger der rechtsradikalen Freien Kräfte erzählt 

Schwalm. Als Polizisten im Juli 2008 sein Elternhaus durchsuchten, war Schluss. Dreieinhalb Jahre gehörte der junge Mann, der heute Mitte zwanzig ist, zu der rechtsradikalen Gruppierung Freie Kräfte Schwalm-Eder.

Nach dem Attentat seiner damaligen Kameraden auf ein Jugendcamp am Neuenhainer See und der anschließenden Razzia bei polizeibekannten Mitgliedern der Szene, schaffte er den Ausstieg. Wir sprachen mit dem ehemals Rechtsradikalen über seinen Weg in und aus der Szene. Er will anonym bleiben.

Wie wird man Mitglied einer rechtsradikalen Gruppe?

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Es läuft wie bei einem normalen Freundeskreis. Es waren Leute, von denen ich die meisten schon als Kind kannte. Wir saßen abends mit Bierchen zusammen, waren auf der Kirmes, sind ins Kino gegangen.

Bei Bier und Kino ist es aber doch nicht geblieben?

Nein, aber als ich anfing, mit den Leuten zu tun zu haben, war es noch nicht so schlimm. Es gab Schlägereien. Wenn du auf bestimmte Kirmessen gegangen bist, war es schon absehbar, dass es Ärger gibt. Kritisch wurde es erst nach einem Jahr, dann standen wir in der Zeitung, und es gab öfter Polizeikontrollen.

Was war der Reiz für Sie, da mitzumachen?

Du konntest dich auf die anderen verlassen. Bei Schlägereien hat immer einer hinter dir gestanden.

Waren Sie gewalttätig?

Auf der Kirmes habe ich mich schon geprügelt - Doofheit eben. Vor Gericht stand ich nur einmal wegen gefährlicher Körperverletzung. In dem Fall habe ich selbst nicht zugeschlagen, sondern war nur passiv beteiligt. Ich kannte die Opfer und habe auch mitgefühlt. Später habe ich mich bei ihnen entschuldigt. Das fiel mir schwer.

Wie haben Familie und Freunde reagiert?

Mein Vater wusste, mit wem ich abends weggehe. Er hat nichts gesagt, weil er viele von denen kannte, seitdem sie geboren waren. Wenn du in der Schwalm schwarz rumläufst und mit den einschlägigen Leuten abhängst, weiß jeder, dass du dazu gehörst. Später haben sich meine Eltern Vorwürfe gemacht, dass sie sich nicht eingemischt haben.

Und die Freunde?

Plötzlich bekam ich keine Einladungen mehr auf Geburtstage, auf denen ich sonst immer war. Viele, die ich aus der Schule kannte, haben nicht mehr gegrüßt. Das hat mich sauer gemacht. In der Schwalm ist das so: Entweder du hast mit den Freien Kräften zu tun oder mit dem Rest.

Gab es Treffen, auf denen sich die Gruppe organisierte?

Was heißt organisiert? Wenn man nach der Arbeit rumtelefoniert hat, waren schnell fünf, sechs Leute zusammen. Wenn wir uns dann dort getroffen haben, wo die Linken hingehen, war klar, was passiert. Es gab wechselnde Anführer. Das hing davon ab, was man von dem gehört und gesehen hatte. Manche waren besonders gewalttätig, andere haben einfach nur gut geredet.

Wurde auch über politische Inhalte gesprochen, oder ging es vor allem um Gewalt?

Wenn was in der Zeitung stand über Ausländer, hat man da drüber gesprochen. Einige fanden die generell Scheiße, andere haben auch gesagt: Schau mal, die arbeiten auch. Unsere Gewalt richtete sich aber vor allem gegen die Linken. Die haben oft ihre Mädels vorgeschickt, um zu provozieren. Irgendwann reichte es halt.

An welchem Tag wussten Sie: Ich will nicht länger dazugehören?

Als Polizisten unser Haus durchsuchten. Da gab es Theater zuhause. Nach der Geschichte am Neuenhainer See gab es eine Razzia in 13 Häusern. Alles Leute, die zur Szene gehörten. Ich selbst war nicht am Neuenhainer See und wusste auch nichts davon.

Wie leicht war es, sich loszusagen?

Am Anfang bin ich nur zuhause geblieben. Meine früheren Leute haben mich bedroht und eingeschüchtert. Es hätte oft böse enden können. Jetzt gibt es in der Kneipe manchmal noch einen Blickkontakt und den Mittelfinger, damit ist die Sache geregelt. Inzwischen habe ich neue Freunde gefunden - das war schwer, aber heute schützen sie mich. Sie kennen mein Geschichte und finden gut, was ich geschafft habe. Sie sehen mich nicht mehr als Rechter.

In den vergangenen Monaten scheint es ruhiger um die Freien Kräfte geworden zu sein. Was ist Ihr Eindruck?

Nach meinen Beobachtungen ist die Gruppe um einiges jünger geworden. Ich treffe heute auf mehr jugendliche Sympathisanten. Es sind zum Teil 15- und 16-jährige Jungs, die mit den bekannten Personen durch die Kneipen ziehen. Bei einigen, die ihre Strafen abgesessen haben, bin ich mir definitiv sicher, dass sie nichts gelernt haben.

Hintergrund: Hilfe für Aussteiger und Angehörige

Das Projekt Ikarus des Landeskriminalamtes hilft Mitgliedern und Mitläufern der rechten Szene bei ihrem Ausstieg. Beratung bietet Ikarus auch deren Angehörigen und Partnern. Ikarus hilft den Betroffenen etwa bei der Suche nach beruflichen und schulischen Perspektiven und bei einem Wohnortwechsel. Auch bei Fragen der Gefährdung stehen die Mitarbeiter zur Seite. Nächste Anlaufstelle ist das Büro in Alsfeld, das für Nord- und Osthessen zuständig ist. (bal)

Kontakt: Tel.: 0611/ 83 57 57, www.ikarus-hessen.de

Quelle: HNA

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