„Rechte Söhne des Dorfes“ - Interview über Struktur der Freien Kräfte Schwalm-Eder

Entfesselt: Rechte Gruppierungen wie die Freien Kräfte definieren sich über öffentliches Auftreten, oft in Form von Gewalt. Foto: dpa

Schwalm-Eder. Die Freien Kräfte Schwalm-Eder gehören zu den größten rechtsextremen Gruppierungen Hessens. Wir sprachen mit Prof. Benno Hafeneger, der sich an der Universität Marburg seit vier Jahren mit den Freien Kräften beschäftigt, über deren Struktur und Gewaltpotential.

Bislang war Rechtsextremismus vor allem ein ostdeutsches Phänomen. Warum hat er ausgerechnet im Schwalm-Eder-Kreis Fuß gefasst?

Benno Hafeneger: Dies hat auch mit der ländlichen Struktur zu tun. In Dörfern und Kleinstädten finden die Rechten bessere Rückzugsräume als in Großstädten, wo ihre Aktivitäten oft schneller öffentlich werden. Das heißt, das Land ist eine Art Schutzraum. Grund dafür ist auch ein ausgeprägterer Konservatismus und eine Bodenständigkeit in Teilen der Bevölkerung mit entsprechender Toleranz. Teilweise ist ein seltsames Verständnis für die Betroffenen zu beobachten: Die Rechten sind Söhne des Dorfes und über den eigenen Ort wird ungern schlecht gesprochen.

Wozu führt das?

Hafeneger: Es führt häufig dazu, dass eine Thematisierung des Problems nur zögerlich einsetzt. Je differenzierter eine Bevölkerungsstruktur, desto eher wird es zu einer Auseinandersetzung kommen. Dabei spielen auch Ängste innerhalb einer Dorfgemeinschaft eine Rolle. Es gab Fälle in Hessen, wo Bürgerinitiativen, die rechte Aktivitäten vor Ort öffentlich machen wollten, auf Widerstand der Bevölkerung gestoßen sind.

Was unterscheidet die Freien Kräfte Schwalm-Eder von anderen rechtsextremen Gruppen?

Hafeneger: In Hessen gibt es drei Typen aktionsorientierter Gruppen, die in den vergangenen Jahren entstanden sind: Freie Kräfte, Kameradschaften und Autonome Nationalisten. Die Gruppe in Schwalm-Eder ist mit 25 bis 30 Mitgliedern im Kern hessenweit eine der größten und vor allem stabilsten. Ihre Mitglieder sind zwischen 17 und 28 Jahre alt und besonders in Schwalmstadt, Homberg, Neukirchen und Frielendorf aktiv. Im Unterschied etwa zur NPD haben sie kein geschlossenes rechtsextremes Weltbild, sondern sind ein Männerbund mit einer Ideologiekultur, die sie nach außen erkennbar machen wollen: Durch Gewalt und Militanz. Sie gehen auf die Straße und suchen den Gegner.

Gibt es eine Führung?

Hafeneger: Eine informelle Führungsstruktur gibt es. Es wird zwar bereits im Namen suggeriert, dass es eine freie Gruppierung sei, die nicht in rechtsextreme Strukturen eingebunden ist, aber man ist sehr wohl organisiert und gut vernetzt – etwa mit der Siegener Kameradschaft.

Seit einem halben Jahr ist es relativ ruhig um die Freien Kräfte geworden. Können wir hoffen?

Hafeneger: Polizei und Justiz haben Beobachtungen und Strafverfolgung intensiviert. Gerade erst wurde mit einem 22-jährigen Schwalmstädter einer der Anführer zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Das verunsichert die Szene: Einige der jungen Männer werden sich fragen: Will ich meine bürgerliche Biografie gefährden? Eine Auflösung ist nicht zu erkennen, aber ein Rückzug von öffentlichen Orten wie Kneipen ins Private.

Wie ist das Problem zu bekämpfen?

Hafeneger: Wer sich ausgegrenzt fühlt, kann über Gewalt und Protest Zugehörigkeit bei den Freien Kräften erleben und wird hier eingebunden. Es hilft also, wenn es den Kommunen gelingt, die jungen Männer früh in Vereine oder andere jugendkulturelle Angebote einzubinden. In einigen Orten gibt es da noch Nachholbedarf.

Von Bastian Ludwig

Quelle: HNA

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