Das Ohr ist nicht sehr verlässlich

Rechtschreibexpertin: Kinder müssen richtig Schreiben lernen

Von Anfang an richtig schreiben: Gisela Dorst ist die Autorin des Sprachbuchs Lollipop, das schon die jüngsten Schüler zu orthografisch korrektem Schreiben anhält. Foto: Thon

Naumburg. Die Zahl der Analphabeten wächst. Die Level One-Studie aus dem Jahr 2011 kommt zu erschütternden Ergebnissen: 12,6 Prozent der 18- bis 29-Jährigen in Deutschland sind demnach funktionale Analphabeten (siehe Hintergrund).

Gisela Dorst, Lehrerin und Fachleiterin Deutsch aus Naumburg, ist davon überzeugt, dass sich diese Quote deutlich senken ließe. Die Kinder müssten nur nach der richtigen Methode unterrichtet werden.

Entscheidend seien die ersten Schuljahre, in denen die Mädchen und Jungen schreiben lernen. Die Methoden, nach denen in den Klassen unterrichtet wird, weisen dabei große Unterschiede auf. Die weit verbreiteten Varianten, bei denen die Kinder das Gehörte lautgetreu in Worte fassen, bergen die Gefahr, dass sich eine fehlerhafte Schreibweise verfestigt. „Wir können uns auf das Ohr nicht verlassen“, sagt Dorst.

Die 61-jährige Schulbuchautorin verfolgt einen ganz anderen Ansatz. Bei ihr lernen die Kinder von Anfang an, dass ein und derselbe Buchstabe unterschiedlich klingen kann. Den 26 Buchstaben des Alphabets stehen weit über einhundert verschiedene Laute gegenüber. Das A in „Wal“ zum Beispiel ist ein langgezogenes, das A in „Palme“ aber ein kurzer Vokal. „Wir blenden die Schwierigkeit der Sprache nicht aus“, sagt Dorst, die das Sprachbuch „Lollipop“ geschrieben hat. In ihm werden Kinder bis zum vierten Schuljahr angeleitet, korrekt zu schreiben. Vor allem aber bleibt den Kindern eine höchstproblematische Hürde erspart, die immer dann genommen werden muss, wenn sie lautgetreu schreiben und plötzlich Rechtschreibregeln berücksichtigen müssen: „Viele Kinder verstehen nicht, weshalb das einmal Gelernte plötzlich falsch sein soll und nun geändert werden muss“, sagt Dorst.

Wem es nicht gelingt, sich in den ersten Schuljahren die Grundlagen zu erarbeiten und orthografisch korrekt zu schreiben, bekommt Probleme. Und das spätestens an den weiterführenden Schulen. „Wir müssen der Rechtschreibung mehr Raum geben“, sagt die Pädagogin.

Mit den von ihr verfassten Sprachbüchern lernen Schüler nach einem ausgeklügelten System. Die Naumburgerin ist davon überzeugt, dass ihr Lehransatz einer der effektivsten ist. Mehr als drei Jahrzehnte Berufserfahrung sind in die Unterrichtslektüre eingeflossen. „Wer richtig schreiben will, muss etwas über die Wörter wissen“, sagte Gisela Dorst kürzlich in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Seit der Veröffentlichung wird sie überschwemmt mit E-Mails und Briefen von Eltern, die sich um die mangelhaften Fähigkeiten ihrer Sprösslinge im Lesen und Schreiben Sorgen machen.

Funktionale Analphabeten

Funktionale Analphabeten können einfache Sätze lesen und schreiben. Allerdings scheitern sie an längeren Texten. Schon zu Beginn der Schullaufbahn haben sie Probleme beim Lesen- und Schreibenlernen. In den folgenden Jahren werden die Kinder individuell nicht ausreichend gefördert. Die Level One-Studie von Grotlüschen und Rieckmann (2011) kommt zu dem Ergebnis, dass jährlich 70 000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen, bei den meisten könne man bei Defiziten im Lesen und Schreiben ausgehen. Wer nach Verlassen der Schule die Schriftsprache nicht eigenständig nutzen kann, gilt als funktionaler Analphabet. (ant)

Von Antje Thon

Quelle: HNA

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