Das verlorene Paradies an der Bahn

Renate Maurer aus Grebenau kam im Tunnel-Portal Guxhagen zur Welt

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Blättern im Fotoalbum:  Renate Maurer zeigt auf unserem aktuellen Foto vor dem Tunnelportal mit seinen inzwischen zugemauerten Fenster-Öffnungen Erinnerungsfotos.

Guxhagen. Wer mit der Regiotram von Körle nach Guxhagen fährt, kann es ganz kurz aus der Nähe sehen: das Tunnelportal Guxhagen mit seinen zwei Türmen und der Fassade der einstigen Wohnung für den Tunnelposten. Dort wuchs Renate Maurer aus Grebenau mit ihrer Familie auf.

"Als Kinder konnten wir es gar nicht besser haben", sagt Renate Maurer. Sie kam in der Portal-Wohnung zur Welt und wuchs dort mit ihren fünf Geschwistern auf. Heute lebt die 66-Jährige in Grebenau und kann von ihrer Wohnung aus das Portal immer noch einsehen. Neben Schwarz-Weiß-Fotos vom Leben an der Bahn gehören zu ihren Erinnerungsstücken ein Schlüssel zur einstigen Bahnerwohnung und eine Signallampe von 1955, mit der ihr Vater neben seiner Arbeit als Schaffner auch als Tunnelposten durchfahrenden Zügen Zeichen gab.

Bis zu ihrem 21 Geburtstag lebte Renate Maurer in der Portal-Wohnung. Drei von ihren Geschwistern waren noch bis 1974 dort. Anschließend wurde die Sechs-Zimmer-Wohnung abgerissen.

Schön muss das Leben dort gewesen sein, glaubt man den Erzählungen von Renate Maurer. Zwar mussten die Lebensmittel auf beschwerliche Weise zu Fuß aus Guxhagen geholt werden. Auch gab es kein fließendes Wasser und nur ein Plumpsklo im Freien. Trinkwasser musste aus einem Brunnen am Fuß des Berghanges gepumpt werden. Auch für die Heizung musste die Familie Kohlen und Holz besorgen. Doch auf dem Gelände herrschte immer Geselligkeit. Und wenn Renate in Grebenau Schulschluss hatte, wollten ihre Mitschüler stets mit zum Tunnelportal.

Die Züge störten niemanden, berichtet Renate Maurer. Die Gleise waren mit einem Zaun zum Wohngelände abgeschirmt. Dort blühte im Frühjahr jede Menge Flieder. Auch hatte die Familie Grabeland mit Apfelbäumen. Vor dem Haus leuchteten Rosen, die Reste von ihnen sind noch heute zu sehen. Und mitten in dieser Gartenlandschaft mit herrlichem Weitblick auf Grebenau spielten die Kinder Federball, erinnert sich Renate Maurer.

Die 66-Jährige heiratete als 21-Jährige und zog nach Grebenau. Ihr Berufsleben als kaufmännische Angestellte zog sie nach Kassel und von dort wieder nach Guxhagen. Heute wünschte die Rentnerin, es wäre einst möglich gewesen, die Portal-Wohnung samt Garten als Wochenendgrundstück zu kaufen. Dann hätten sie und ihre verstreut lebenden 60 bis 78 Jahre alten Geschwister sich dort immer treffen können. Doch den Tunnelposten gibt es längst nicht mehr. Und mit ihm verschwand auch die Wohnung hinter der Fassade des Portals.

434 Meter langer Tunnel

Geblieben ist die Schönheit des Portals. Mit seinen Türmen erinnert es an eine Burg. Doch hinter der Fassade liegt ein 434 Meter langer Tunnel. Durch das Bauwerk rollen heute moderne Züge wie die silberfarbene Regiotram, entstanden ist das Portal nach alten Zeitungsberichten im 19. Jahrhundert. Den Übergang von der alten zur neuen Zeit dokumentieren die Gleise: In Richtung Guxhagen liegen sie auf Beton-, in Richtung Körle auf Holz-Schwellen.

Quelle: HNA

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