Reportage: Armut und Gastfreundschaft in Stolin sind groß

Weißrussische Lieder: In der Tanzstunde von Trainerin Jelena gibt es keine Musik vom Band. Foto: Yüce

Stolin. Idyllische Sumpflandschaften, ein zum Teil betonierter Stadtpark. Kleine bunte Holzhäuser im alten Stadtteil. Würde man ein Bild von Hombergs Partnerstadt Stolin zeichnen, dann wäre es bunt und jung.

Denn man geht kaum ein paar Meter durch die Stadt und begegnet jungen Müttern oder Paaren mit ihren Kindern. Das ist der erste Eindruck. Sieht man genauer hin, dann verbergen sich hinter fast allen Häuser große, sehr gepflegte Nutzgärten. Sie sind nicht nur der Stolz der Menschen, sie sichern ihren Lebensunterhalt.

So etwa auch den von Swetlana Resanowitsch und ihrem Mann. Der Verdienst, 300 Euro, den sie als Angestellte Ingenieurin bei der Post mit nach Hause bringt, reicht bei weitem nicht, um über die Runden zu kommen.

So stehen sie und ihr Mann nach der Arbeit immer sonntags, mittwochs und freitags auf dem Wochenmarkt und verkaufen Kleidung auf dem Basar. Die kaufen sie vorher in der wenige Kilometer entfernten Ukraine ein. Doch auch das Geld reicht nicht. Deshalb seien die Gärten so wichtig und deshalb zeigt sie ihre Pflanzen, die Tomaten, die Zwiebeln, die Kartoffeln und Paprika, gerne ihren Besuchern, sagt sie. Und natürlich lässt sie die Gäste nicht weitergehen, ohne sie auf ein Glas Bier und Trockenfisch einzuladen. Die Armut ist groß, die Gastfreundschaft auch.

Ablehnen ausgeschlossen

Eigentlich wollte das Team des Partnerschaftsvereins bei einem Spaziergang durch die Stadt nur mal kurz Lena Owsjanek begrüßen. Die Leiterin des Chores tischte im Handumdrehen ein ganzes Mittagessen für die sieben Besucher auf. Die kamen zwar nur spontan vorbei, doch habe Lena das ganze Jahr gespart, um ihren Gästen aus Deutschland etwas anbieten zu können. Ablehnen ausgeschlossen. Das wäre falsch verstandener Respekt, erklärt einer der Übersetzer.

Der Chor und die Tanzgruppe aus Stolin prägen die Partnerschaft. Und weil das so ist, darf auch ein Besuch in der Tanzstunde nicht fehlen. Trainerin Jelena achtet penibel auf die Haltung der Kinder. Die Musik zu der sie sich bewegen, kommt nicht vom Band. Ein Akkordeonspieler spielt weißrussische Lieder. Später erzählt Jelena, dass sie auch in anderen Schulen unterrichtet und schon seit 28 Jahren tanzt. In Homberg ist sie auch schon gewesen - zum Erholungsaufenthalt und später als Betreuerin. Im nächsten Jahr würde sie gerne wiederkommen.

Dann gibt es die Städtepartnerschaft seit 25 Jahren. „Wir würden gerne 20 Chormitglieder und 15 Personen aus der Tanzgruppe zu uns einladen“, sagt Joachim Jerosch, Vorsitzender des Vereins. Doch noch ist nicht sicher, ob das klappt. Es sei halt auch eine Kostenfrage. Untergebracht werden sollen die Besucher dann in Gastfamilien. „Sie würden auch auftreten“, sagt Jerosch und erzählt dann von Untersuchungen die belegten, dass sich das Immunsystem der Kinder nach einem Erholungsaufenthalt in Deutschland drastisch verbessert habe.

Und da ist er wieder der Gedanke an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. 30 Jahre sind seitdem vergangen und noch immer ist sie im Leben der Menschen präsent. Denn sie - und die grausamen Folgen- gehören längst zum Alltag der Menschen. Würde jemand ein Bild von Stolin zeichnen und dabei genauer hinsehen, wäre gleich hinter den bunten Farben ein dunkler Schatten.

Quelle: HNA

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