Rettungsgasse: Einsatzkräfte kritisieren Verhalten von Autofahrern

So soll es sein: Rettungskräfte fahren zu einem Unfall auf der A7 bei Melsungen. Die Autofahrer haben eine Rettungsgasse gebildet. Foto: Wenderoth

Melsungen. Auf dem Weg zu einem eingeklemmten Unfallopfer geht es um jede Sekunde – doch die wertvolle Zeit geht auf Autobahnen verloren, weil Feuerwehr und Notarzt nur langsam zur Unfallstelle vorstoßen können.

Die Bildung einer Rettungsgasse funktioniere oft mehr schlecht als recht, sind sich Retter einig. Dabei schaut man auch auf das Nachbarland Österreich: Dort wurde Anfang 2012 die Rettungsgasse zur Pflicht, bei Verstößen drohen hohe Bußgelder.

„Das ist manchmal ein zähes Gewürge“, sagt der Melsunger Stadtbrandinspektor Frank Ebert. Dessen Einsatzkräfte müssen bei schweren Unfällen auf die Autobahn 7 ausrücken. Eigentlich sollten die Fahrzeuge den Rettern Platz machen – doch in der Realität funktioniere das nur langsam.

In seltenen Fällen müssten Feuerwehrleute sogar aussteigen und den Autofahrern bei der Orientierung helfen. Und selbst wenn eine Rettungsgasse gebildet sei, bleibe diese nie lange bestehen. „Nachfolgende Fahrzeuge müssen sich oft durchkämpfen“, sagt Ebert.

„Diese Erfahrung haben wir auch gemacht“, sagt Ulrich Brandenstein von der Freiwilligen Feuerwehr Guxhagen. Die ersten Rettungskräfte kämen noch durch, dann werde die Gasse sofort geschlossen. „Jeder Autofahrer sucht seinen eigenen Vorteil und versucht noch schneller an der Unfallstelle vorbei zu kommen.“ Das Verhalten einiger Verkehrsteilnehmer sei traurig.

Schlimm sei die Situation oft auf der A7 Richtung Norden. Dort stünden die Lastwagen gelegentlich sogar auf allen vier Spuren – inklusive Standstreifen. Da hätten die Retter dann keine Chance, vorbei zu kommen. Es sei auch schon passiert, dass den Rettern Außenspiegel abgefahren wurden.

Dabei ist die Nichteinhaltung der Rettungsgasse eine Ordnungswidrigkeit, die mit 20 Euro Bußgeld bestraft werden kann. Ganz anders sieht die Lage im Nachbarland Österreich aus: Dort drohen Strafen bis zu 2180 Euro. Im Radio und auf Schildern wird massiv auf die Bildung einer Rettungsgasse hingewiesen.

Ob das allerdings die perfekte Lösung ist, bezweifelt Detlev Kann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft in Hessen tätiger Notärzte (Aghn) aus Kassel. Schlecht funktionierende Rettungsgassen bei Unfällen seien auch für die Mediziner immer wieder ein Thema.

„Es ist normalerweise immer besser, wenn die Autofahrer es aus eigenem Antrieb machen“, sagt auch Klaus Reindl vom ADAC. Nach Ansicht des Automobilclubs funktioniert die Rettungsgasse in der Regel. Allerdings gebe es immer wieder Fälle, in denen plötzlich ein Autofahrer in einer Rettungsgasse den Fahrstreifen wechsele. „Das erhöht den ohnehin hohen Adrenalinspiegel der Rettungsfahrer noch einmal beträchtlich“, so Reindl.

Quelle: HNA

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