Revolutionär: Spangenberger Freibad war das erste im Altkreis Melsungen

Attraktion in Spangenberg: Vor 90 Jahren wurde das Liebenbachbad als Wasser-, Luft- und Lichtbad gebaut. Es war das erste im Altkreis Melsungen. Unsere Bilder entstanden in den Anfangsjahren des Schwimmbades. Fotos: Stadtarchiv Melsungen/nh (4), Feser (1)

Spangenberg. Das Spangenberger Freibad wurde vor 90 Jahren eröffnet - es war das erste Freibad im Altkreis Melsungen. Wir sprachen mit Annemarie Dehn, die dort schwimmen gelernt hat.

Seit 85 Jahren kann Annemarie Dehn schwimmen. Gelernt hat es die heute 91-Jährige Annemarie Dehn im so genannten Wasser-, Luft- und Lichtbad in Spangenberg. Das war 1930, und das erste Freibad im Altkreis Melsungen war gerade mal vier Jahren vorher gebaut worden, also 1926.

Alte Badeaufseherin

Annemarie Dehn kann sich noch gut an „Eckels Schiene“ erinnern. Das war die Badeaufseherin, die immer mit einer Art Köcher auf den Plattformen mit Geländer am Rand stand und aufpasste, dass niemand unterging. „Dabei konnte sie gar nicht schwimmen.“ Und „Eckels Schiene“ habe immer geschimpft, wenn die Kinder vom Rand ins Wasser sprangen, weil dann Erde ins Wasser fiel.

Die Ausstattung

Attraktion in Spangenberg: Vor 90 Jahren wurde das Liebenbachbad als Wasser-, Luft- und Lichtbad gebaut. Es war das erste im Altkreis Melsungen. Unsere Bilder entstanden in den Anfangsjahren des Schwimmbades. Fotos: Stadtarchiv Melsungen/nh (4), Feser (1)

Schließlich gab es damals noch keine Fliesen im Bad: Annemarie Dehn beschreibt das Schwimmbad der Anfangsjahre als „eine Art ausgebaggertes Loch, mit Holzleitern, die ins Wasser führten.“ Am Rand gab’s große Holzpritschen, auf denen man das Handtuch drauflegen und sich ausruhen konnte. Ein ausrangierter Eisenbahnwaggon diente den Schwimmern als Umkleidekabine. „Ein Abort ist in den Büschen am Ufer der Pfieffe versteckt und durch einen leichten Brettersteg zu erreichen“, heißt es in den Planungsunterlagen des Architekten Fenner aus dem Jahr 1921. Erst Anfang der 1960er-Jahre wurden ein Umkleide- und Sanitärgebäude gebaut.

Teurer Besuch

In den Anfangsjahren war der Badbesuch für Annemarie Dehn und ihre Freundinnen kein tägliches Vergnügen. Zehn Reichspfennig kostete der Eintritt. „Das war viel Geld“, berichtet sie, „denn ein Vier-Pfund-Brot kostete damals 60 Reichspfennig.“ Da war ein Schwimmbadbesuch nur alle paar Tage drin. „Wenn wir das Eintrittsgeld von den Eltern nicht bekamen, gingen wir zur Oma und holten es uns dort.“

Wasser aus dem Graben

Das Wasser kam aus dem benachbarten Mühlgraben und floss vom Bad wieder zurück in den Graben. Bereits 1907 hatte die Stadt durch Ausbaggerung der Pfieffe oberhalb des Müllerwehrs ein Bad geschaffen. Es wurde aber durch Hochwasser immer wieder verschlammt.

Anfang der 1970er-Jahre wurde in das Spangenberger Freibad eine Anlage zum Aufheizen des Badewassers gebaut: Der Pfieffe wurde Wärme entzogen und dem Badewasser in der Filteranlage zugesetzt. Und damit war das Wasser im Freibad wohlig temperiert, was für viele zusätzliche Badegäste aus der näheren Umgebung sorgte.

Verfall der Sitten und Moral

Ein zwei Meter hoher Bretterzaun sollte die Besucher des Luft- und Lichtbades vor neugierigen Blicken schützen. Das sah Architekt Fenner in seinen Planungsunterlagen aus dem Jahr 1921 vor. Denn der Freibad-Bau und die Badeordnung - Männer und Frauen gemeinsam im Schwimmbad, nur donnerstags ab 12 Uhr war Frauenbadetag - war etwas Revolutionäres in einer nordhessischen Kleinstadt. Deshalb empfahl Bürgermeister Wilhelm Schier bei der Eröffnungsfeier des Bades am 18. Juli 1926: „Die Menschen sollen die falsche Scheu ablegen und als Kinder der Natur die Gaben der Mutter Natur genießen.“ Dennoch witterte wenige Tage nach der Eröffnung ein Leserbrief-Schreiber in der Spangenberger Zeitung den „Verfall der Sitten und Moral“. Weil es das erste seiner Art war, zog das Liebenbachbad auch Gäste aus der Umgebung an. Die „Auswärtigen“ mussten laut Badeordnung den doppelten Eintrittspreis bezahlen. Das Bad war an der tiefsten Stelle 3,25 Meter tief. Im vorderen Bereich waren es 80 Zentimeter - „sodass die Nichtschwimmer und ängstlichen Gemüter unter unseren Mitbürgern keine Angst zu haben brauchen, dass sie etwas zuviel Wasser schlucken“, betonte Architekt Fenner in seinen Entwurfserläuterungen.

Quelle: HNA

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