Stadtplaner Prof. Aring über Bürgerbeteiligung und Schwierigkeiten der Stadtentwicklung

Risiken für Mittelzentren

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Experte für Innenstädte: Stadtplaner Prof. Dr. Jürgen Aring aus Kassel.

Schwalmstadt. Nordhessischen Mittelzentren stünden bei der Innenstadtentwicklung unter hohem Druck. Das sagte Prof. Dr. Jürgen Aring in einem Interview mit IHK-Magazin Wirtschaft Nordhessen. Seine Beschreibungen treffen ziemlich exakt die Situation in Schwalmstadt.

Bedingt sei der Druck vor allem durch den Bevölkerungsrückgang und den Strukturwandel im Einzelhandel hin zur Zentralisierung.

Grundsätzlich gelte: Lokalpolitiker und Bürger sollten für die Interessen des Einzelhandels offen sein. Vorsichtig sollten Politiker aber etwa dann sein, so Aring, wenn durch die Ausweisung zusätzlicher Flächen für den Einzelhandel die Kaufkraft aus Nachbarkommunen abgezogen werde. „Der Versuch, sich gegen Nachbarn durch die Ausweisung zusätzlicher Verkaufsflächen zu positionieren kann zum Boomerang werden und neue Leerstände vor Ort erzeugen.“

In Mittelstädten von weniger als 30 000 Einwohnern (Schwalmstadt: 19 000) könne bereits ein geringer Kaufkraftverlust von zehn Prozent dazu führen, dass die „Substanz bröckelt“ und Lücken gerissen werden.

Wettbewerb aus Umland

Auch die Rolle peripherer Einkaufszentren, die fast überall in Nordhessen an den Rändern der Kernstadt entstanden seien, nahm Stadtplaner Aring in den Blick. Dazu gehörten etwa große Filialen von Lebensmittelhändlern, die zum Wettbewerber der Innenstädte mutiert sein. Auch wenn sie an der Substanz der Kerne nagten, seien sie ein „zeitgemäßes“ Einkaufsangebot, durch das die jeweilige Kommune Kaufkraft binden könne. Bei der Planung weiterer Zentren auf dem flachen Land sei aber Vorsicht angebracht.

Bei der Entwicklung von Innenstädten sei es wichtig, dass Gestaltungswille und Qualität frühzeitig mit funktionalen Gedanken verknüpft würden: „Wo sollen Parkplätze entstehen? Welche Gewerbeflächen stehen in Fachwerkhäusern zur Verfügung? Wie kann man verhindern, dass über den Denkmalschutz Innenstädte zu Tode geschützt werden?“

Was die Einbindung der Bürger und Verbände bei der Stadtplanung angeht, bezieht der Wissenschaftler eine klare Position: „Es wäre eine vergebene Chace, wenn man diese Akteure nicht nutzen würde. Das Beispiel Stuttgart 21 zeigt uns, dass es Angelegenheiten gibt, die nicht von oben nach unten durchregiert weden können.“ Die Haltung der Menschen habe sich verändert. Das Selbstbewusstsein, mit dem sie für ihre Interessen kämpfen, sei gestiegen. Daher sei es wichtig, die Bevölkerung und Verbände frühzeitig zu integrieren.

Eine Beteiligung heiße aber nicht, jedes Vorgespräch mit potentiellen Investoren öffentlich zu führen. (bal/ syg)

Quelle: HNA

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