Sigrun Gölling kümmert sich um die Barrierefreiheit im Schwalm-Eder-Kreis

Rollstuhl ist kein Problem

Noch geschlossen: Der Kindergarten Kasseler Straßen muss bis Sonntag barrierfreies Wahllokal werden. Sigrun Gölling macht sich vor Ort ein Bild von dem Wasserschaden in der Kita. Foto: Nickoll

Schwalm-Eder Sigrun Gölling fährt mit dem Auto eigentlich überall hin. Auch zu ihrem Wahllokal, dem Kindergarten „Die Wühlmäuse“ in ihrem Wohnort Bad Zwesten. Dorthin würde sie auch kommenden Sonntag fahren, wenn sie nicht bereits per Brief gewählt hätte. Nicht, weil Gölling im Rollstuhl sitzt, sondern weil ihr Mann erkrankt ist, hat sie diese Möglichkeit genutzt.

Seit einem Unfall im Jahr 1976 sitzt Gölling im Rollstuhl. Gas- und Bremspedal bedient sie mit einem Hebel, der rechts an ihrem Lenkrad befestigt ist. Auch ein- und aussteigen kann Gölling alleine in ihr Auto. „Der Beifahrersitz ist so umgebaut, dass ich den Rollstuhl dahinter schieben kann“, erklärte sie.

Alltag meistert sie problemlos

Die 64-Jährige legt Wert darauf, trotz Rollstuhl unabhängig zu sein. Als ihr Mann mehrere Wochen im Krankenhaus lag, war Gölling auf das Auto angewiesen. Wenn sie doch mal Hilfe braucht, helfen Tochter und Enkel, die im selben Haus wohnen. „Schwierigkeiten hatte ich in Wahllokalen bisher nie“, sagte die VdK-Ortsverbandsvorsitzende Bad Zwesten und Behindertenbeauftragte des Schwalm-Eder-Kreises. Zuletzt hat sie in Berlin gewählt, wo sie bis 2008 gelebt hat. Es habe sich aber viel verändert seit 1976: „Früher bin ich mit der Bahn im Gepäckwagen gefahren, heute fahre ich in der ersten Klasse“, sagte Gölling.

Vor fünf Jahren ist sie nach Bad Zwesten gezogen. „In Berlin hatte ich keine Probleme, im bergigen Land war es anfangs etwas problematisch“, sagte Gölling. Dazu kam: Damals sei ihr die Decke auf den Kopf gefallen. „Das Ehrenamt war für mich eine Möglichkeit, Menschen kennenzulernen“, sagte Gölling. Früher hatte Gölling als Sozialfachangestellte bei einer Krankenkasse gearbeitet. Dort war sie Schwerbehindertenvertreterin und im Personalrat aktiv, wo sie bei Ausbildungsgesprächen mit behinderten Menschen dabei war. „Einige waren zu schüchtern, haben sich nichts zugetraut“, sagte Gölling. Ihr Wissen wollte sie nicht verkommen lassen, sondern damit helfen. „Ich habe den VdK-Ortsverband hier wieder aufgebaut“, sagte Gölling. Der habe viele Jahre lang brach gelegen, jetzt gebe es jeden Monat einen Stammttisch und einen Kaffeenachmittag.

Hilfsbedürftige kommen mit Anliegen: „Meistens geht es ums Geld“, sagte Gölling. Es kommen auch Menschen, die nicht über die Straße kommen. „Es ruft auch mal jemand an, der allein ist“, so Gölling. Der Kreis sei glücklich, dass er eine Schwerbehinderte hat, die sich auskenne. Es sei nicht alles, wie es sein sollte, Fritzlar aber auf einem guten Weg. Doch es liegt auch viel im Argen: „Immer weniger Leute kommen zu ihrem Recht“, moniert Gölling. Sie glaubt, dass Arbeitgeber ungern Behinderte einstellen. „Nach meiner Erfahrung sind Behinderte aber flexibler“, sagt Gölling.

Von Nina Nickoll

Quelle: HNA

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