Roma-Familie aus Spangenberg muss am Dienstag nach Serbien ausreisen

Vor der Ausreise: Familie Demiri aus Spangenberg muss am Dienstag in ihr Herkunftsland Serbien ausreisen. Im Bild Erbison Demiri, Flüchtlingskoordinatorin Ulrike Richter, Zejnepa Jasarevic, Faik Demiri und Pate Werner Bechtel vor der Unterkunft in Spangenberg. Die Familie hat einer freiwilligen Ausreise zugestimmt, weil sie hofft, so schneller wieder nach Spangenberg zurückkehren zu können. Foto: Feser

Spangenberg. Weil sie nach Behördenauskunft kein Aufenthaltsrecht hat, muss eine Roma-Familie aus Spangenberg das Land verlassen.

Um einer Abschiebung und ihren Folgen zu entgehen, reist sie freiwillig aus - und hofft auf baldige Rückkehr zu den Freunden in Spangenberg.

Wenn Faik Opa Werner sieht, dann fängt er an zu lachen und zu quietschen. Eigentlich ist Werner Bechtel aus Spangenberg gar nicht Faiks Opa - und doch liebt er den Kleinen wie einen eigenen Enkel. Denn Bechtel ist Pate von Faiks Eltern, Erbison und Zejnepa. Das Ehepaar lebt seit Mai 2015 in Spangenberg, ist integriert, sie haben unterschriebene Ausbildungsverträge für August 2016. Und müssen am Dienstag ausreisen.

Hoffnung auf Rückkehr 

Damit die Familie nur eine zehnmonatige Einreisesperre nach Deutschland hat, haben sie in eine freiwillige Ausreise eingewilligt. Die Alternative wäre Abschiebung mit Polizei inklusive mehrjähriger Einreisesperre. Ihre möglichen Ausbildungsbetriebe haben versichert, dass Erbison und Zejnepa die Lehren auch erst 2017 antreten können. Und die Hoffnung auf eine Rückkehr will auch Pate Werner Bechtel nicht aufgeben. „Es bricht mir das Herz“, sagt er, denn er ahnt, was seinen Freunden als Roma in Serbien wieder bevorstehen wird.

Roma aus Serbien 

Die Roma-Familie stammt vom Westbalkan, aus Serbien, das den Behörden als sicherer Drittstaat gilt. Aber: Seit Erbison denken kann, gab es Probleme, weil er Roma ist und eine dunklere Hautfarbe hat als die meisten in Serbien.

Der 20-Jährige wollte Autoelektroniker werden und hat in Belgrad eine Hochschule besucht. „In der Schule war es ganz schlimm“, sagt er traurig und in gutem Deutsch: Schläge, Beschimpfungen, Belästigungen, Diskriminierungen seien an der Tagesordnung gewesen. „Wir wurden behandelt wie der letzte Dreck.“ Diese Erfahrungen musste auch seine Frau Zejnepa tagtäglich erleben. Auch sexuelle Übergriffe.

Ankunft in Deutschland 

Diese Erfahrungen sollte ihr Kind niemals machen müssen, schwor sich das junge Paar, denn Zejnepa war schwanger. Gemeinsam mit Erbisons Eltern Faik (42) und Fatime (39) machten sie sich auf den Weg nach Deutschland. Kurz vor der Geburt des Babys im Mai 2015 landeten sie in Spangenberg. Dort trafen sie auf Werner Bechtel, der Mitglied des Magistrats ist und sich ehrenamtlich in der Flüchtlings-AG engagiert. Er übernahm die Patenschaft für die junge Familie. Aus Begleitung wurde Freundschaft und schließlich eine fast familiäre Verbindung.

Familie mit Baby

Das Baby kam in Kassel zur Welt, und Faik wurde das große Glück von Werner Bechtel, der keine eigenen Enkelkinder hat. Jeden Entwicklungsschritt hat er begleitet: Faiks ersten Zähnchen, die ersten Schritte, er hat Faik zum Kinderarzt gefahren, wenn er krank war.

Schnell Deutsch lernen 

Damit der junge Vater Erbison schnell Deutsch lernt, hat Bechtel ihn überall mit hingenommen, zu Parlamentssitzungen, zu Treffen der Flüchlings-AG, zu privaten Terminen. Und Bechtel hat der Familie das Land gezeigt, Kassel, Frankfurt, vor wenigen Tagen besuchten sie das Schloss Berlepsch.

Integration in der Stadt 

Die deutsche Sprache half Erbison bei der Integration. Mittlerweile spielt er Fußball beim TSV Spangenberg, stellt sein Trommel-Talent bei der Trommel-AG unter Beweis („Er hat uns schon oft bei Auftritten gerettet“, sagt Ulrike Richter von der Trommel-AG), möchte Mitglied der Feuerwehr-Einsatzabteilung werden.

Viele Spangenberger kennen ihn, winken und grüßen freundlich, wenn sie ihn sehen. Und viele haben auf einer Liste unterschrieben, damit die Roma-Familie eine Zukunft in Spangenberg haben kann.

Erbison ist sehr hilfsbereit: Er hat Handläufe in der Stadt gestrichen, beim Abriss des Junkerhaus-Gewölbekellers geholfen, hat Rasen gemäht, auf dem Himmelsfels mit angepackt. „Und nie hat er Geld verlangt“, bestätigt Pate Werner Bechtel, „er wollte der Gesellschaft etwas zurückgeben.“

Zurück zu den Freunden 

Kurz vor der Abschiebung wirken Erbinson und Zejnepa gefasst, verstummen aber beim Gedanken daran, was sie nach der Rückkehr in Serbien erwartet.

Für sie steht fest: Sie wollen zurück nach Spangenberg zu ihren Freunden. Über Skype wollen sie in Verbindung bleiben. Auch damit Faik seinen Opa Werner nicht vergisst. Wenn der Kleine irgendwann ein Brüderchen bekommt, soll das Kind Werner heißen.

Termin 

Am Dienstag fährt Familie Demiri um 9 Uhr zum Frankfurter Flughafen, von wo sie nach Serbien ausreisen werden.

Ihr Spangenberger Pate Werner Bechtel bittet alle, aus Solidarität ab 8.30 Uhr zum Haus Liebenbachstraße 2 zu kommen. Um der Familie ein Zeichen zu geben, dass es Freundschaft und Unterstützung für sie in Spangenberg gibt.

Quelle: HNA

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