Kontrolle im Kanal: So groß ist der Zierenberger Rattenbestand

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Ein Blick in unterirdisches Leben: Die Schädlingsbekämpfer Erich Sehrt und Sohn Oliver Sehrt (links) kommen einmal im Jahr von Gelnhausen nach Zierenberg.

Zierenberg. Einmal im Jahr wird ein Blick in die Kanäle Zierenbergs geworfen. Das Ziel: herauszufinden, wie groß der Rattenbestand unter den Straßen der Stadt ist. Wir haben zwei Schädlingsbekämpfern dabei zugeschaut.

Das Leben, das sich unterhalb der Erde abspielt, bleibt den meisten Menschen verborgen. Für andere gehört es zu ihrem Alltag. Oliver und Erich Sehrt hieven den schweren Kanaldeckel zur Seite. Auf den ersten Blick gibt es in der Kanalisation in Zierenberg nichts zu entdecken. Es ist dunkel, das Abwasser plätschert nahezu geräuschlos durch die kleine Rinne im Kanalboden. Hin und wieder riecht es unangenehm.

Erich Sehrt und sein Sohn Oliver sind Schädlingsbekämpfer. Einmal im Jahr reisen sie von Gelnhausen nach Zierenberg und begeben sich auf Spurensuche nach der Wanderratte. Erich Sehrt nimmt einen Spiegel und leuchtet den Kanaldeckel aus. „Die Kanalisation ist für die Ratten ein tolles Biotop. Es gibt fließendes, warmes Wasser, genug zu fressen. Und keine natürlichen Feinde wie Katze oder Fuchs“, erklärt der 72-jährige Schädlingbekämpfermeister.

Oliver Sehrt knotet in der Zeit kleine pinkfarbene Röllchen an einen Draht. Anschließend lässt er den Ratten-Köder in die Tiefe und befestigt ihn im Kanalschacht. „Das sind Antikoagulanzien, also Blutgerinnungshemmer“, sagt der 35-Jährige. „Die Ratten verbluten dadurch innerlich - aber schmerzlos. Wir nehmen ausschließlich amtlich geprüftes Material.“

Das sei kein symbolischer Akt, sondern eine Notwendigkeit. „Würden wir die Ratten in der Kanalisation nicht präventiv bekämpfen, dann werden sie zur Plage“, sagt Erich Sehrt. Das würde zum einen teuer für die Gemeinden. Die Nager graben sich unter anderem Höhlen in die Kanalwände. Und zum anderen können sie Krankheiten wie Tollwut oder bakterielle Infektionen wie Trichinose beim Kontakt mit Lebensmitteln übertragen. Denn die Ratten leben nicht nur in der Kanalisation. „Sind es irgendwann zu viele dort unten, kommen sie auch nach oben.“ Sie hätten es schon erlebt, dass die Tiere aus dem Klo ins Haus geklettert sind. „Das sind wahre Lebenskünstler - sie schwimmen, tauchen, laufen, klettern und sind extrem widerstandsfähig.“

Die beiden sind ein eingespieltes Team. Der Einsatz pro Gully-Deckel dauert nur wenige Minuten. „Gibt es Anzeichen für einen starken Rattenbefall, sehen wir dort Speise- und Kotreste oder Fußabdrücke, müssen wir ein bis zwei Tage später noch einmal nachlegen und die Dosis der Köder erhöhen“, sagt Erich Sehrt.

Seit den 70er-Jahren kommt er regelmäßig nach Zierenberg. Oliver Sehrt war schon als Kind öfters dabei. Denn auch wenn das, was sie täglich machen, längst zur Routine geworden ist, es wird nie langweilig. „Man lernt Land und Leute kennen. Schädlinge machen keinen Unterschied zwischen Arm und Reich.“ Das habe auch mit Sauberkeit nichts zu tun. Erich Sehrt erinnert sich, dass ihm abends nach einem Einsatz mal drei Schaben aus dem Unterhemd gefallen sind und lacht.

Auch am Wochenende klingelt oft das Notfall-Handy. Sie sind nicht nur in Gemeinden im Kreis Kassel unterwegs. Deutschlandweit bekämpfen sie Ratten, aber auch Ameisen, Flöhe, Wanzen und Schaben.

Doch so abwechslungsreich ihr Beruf auch ist, die Beiden haben auch eine große Verantwortung. Schließlich arbeiten sie ständig mit giftigen Substanzen. Und dessen sind sie sich bewusst: „Wir dürfen niemals ungesicherte Köder auslegen.“

Quelle: HNA

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