Erfolg für betroffene Eltern: Standesämter stellen jetzt für fehlgeborene Kinder einen Nachweis aus

Ein Schein – und doch viel mehr

Setzen sich für die Bewältigung des Schicksalsschlages Fehl-, Früh- und Totgeburt ein: Alexandra Beuth (links) und Heidi Schöpfer. Foto: Quehl

Schwalmstadt. Es ist eine Bescheinigung, keine Urkunde. Aber um dieses Papier, genauer gesagt das Anrecht darauf, haben Eltern in der ganzen Bundesrepublik jahrelang gekämpft. Ab sofort wird diese Bescheinigung auf Wunsch der Eltern für „stille“ Kinder, auch „Sternenkinder“ genannt, im Standesamt ausgestellt, und zwar auch, wenn für sie das Ereignis schon lange zurückliegt.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger ermöglicht die Gesetzesänderung seit diesem Frühjahr. Aber für Heidi Schöpfer (Schwalmstadt, 38) ist es ein großer Schritt, dass ihr still geborenes Kind nicht länger bloß Material darstellt, sondern amtlich als Mensch anerkannt wird, „wir wollen eine Tür aufstoßen“. Das Thema sei in der Vergangenheit zu stark tabuisiert worden. Heidi Schöpfer erwartet, dass eher Frauen wie sie selbst, die ihr Kind nach einer schon relativ weit fortgeschrittenen Schwangerschaft zur Welt brachten, von der neuen, standesamtlichen Bescheinigungsmöglichkeit Gebrauch machen werden.

Gründeten Gruppe

Das ist aber nicht die Bedingung, unterstrich gestern im Gespräch mit unserer Zeitung Alexandra Beuth (Schwalmstadt, 43), die gemeinsam mit Heidi Schöpfer die Eltern- und Selbsthilfegruppe Sternenkinder in Treysa ins Leben gerufen hat. Sie selbst erwägt es durchaus, die Bescheinigung für ihr in einem frühen Stadium fehlgeborenes Kind ausstellen zu lassen. In diesem Fall werden die Angabe des Geschlechts und des Namens unausgefüllt bleiben.

Beiden Frauen und Müttern ist es am wichtigsten, dass Mitbetroffene und künftige Eltern stiller Geburten viel Information über ihre Rechte und Möglichkeiten erhalten. War es vor Jahrzehnten einfach nur Gang und Gebe, die sterblichen Überreste der Winzlinge zusammen mit allem möglichen menschlichen Material vom Finger bis zum Blinddarm anonym zu entsorgen, können Eltern für sie schon seit geraumer Zeit eine Gruppen- oder auch Einzelbestattung wahrnehmen, auch in Schwalmstadt. Wie die Bescheinigung ist auch die Bestattung von Fehlgeburten bloß ein Angebot – keine Verpflichtung, betonen Heidi Schöpfer und Alexandra Beuth. Heidi Schöpfer und ihr Mann ließen ihren still geborenen Sohn auf dem Treysaer Kindergräberfeld einzeln bestatten. Das Sternenkind von Alexandra Beuth wurde im Grab seiner totgeborenen Schwester beigesetzt.

„Ich halte etwas in den Händen, etwas das besagt, dass es dieses Kind gegeben hat.“

Alexandra Beuth

Ein Grab oder ein Ort zum Erinnern ist in den Augen der beiden Frauen sehr viel, aber auch die Bescheinigung finden sie für sich selbst wichtig. Alexandra Beuth: „Ich halte etwas in den Händen, etwas das besagt, dass es dieses Kind gegeben hat.“ Das könne sehr wichtig sein für die Eltern und Geschwister, wirke aber auch über den privaten Rahmen hinaus, einfach, weil ihr Schicksal aus der totgeschwiegenen Ecke heraustrete.

HINTERGRUND

Von Anne Quehl

Quelle: HNA

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