Scherbe ist der Schlüssel

Forscher entziffern Inschrift anhand eines Töpferfragments aus Treysa

Die Kachel mit dem Porträt des Wiedertäufers Jan van Leiden und den entsprechenden Fragmenten, die in Treysa gefunden wurden.

Schwalmstadt. Entlang der Treysaer Stadtmauer schlängelt sich in der Oberstadt der Töpferweg: „Der Name sagt uns etwas über das ortsansässige Handwerk der Töpfer", ist Keramikerin Monika Dörrbecker überzeugt.

Dass ausgerechnet eine irdene Scherbe, die ihr Mann - Töpfermeister Werner Dörrbecker - einst aus der Erde barg, eine kunsthistorisch große Bedeutung haben würde, das ahnte die Treysaerin lange nicht.

Als Leitungen verlegt wurden, fand Werner Dörrbecker Produktionsreste von Renaissance-Kacheln. Diese Tonfragmente aus Treysa haben jetzt tatsächlich Licht in eine Geschichte im Münsteraner Stadtmuseum gebracht. „Die Geschichte muss umgeschrieben werden. Und das dank einer Treysaer Tonscherbe“, freut sich die Keramikerin.

Lange ruhte das Fragment, das mit einer Inschrift, bei der Groß- und Kleinbuchstaben zusammen verwendet wurden, neben anderen Funden in einer Vitrine. „Bei der Arbeit mit Vergleichsfunden zur Ortsgeschichte machte mich Heribert Heidenreich im Rahmen seiner Dissertation auf dieses besondere Fragment aufmerksam“, erzählt Monika Dörrbecker. Die Tonscherbe stelle nämlich eine Verbindung zur Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung dar, erklärt die Treysaerin. Im Stadtmuseum Münster seien Kacheln ausgestellt, auf denen historische Darstellungen der Wiedertäufer zu sehen seien.

Eine Kachel zeige das Porträt des Wiedertäufers Jan van Leiden. „Aber der Hersteller tilgte die Inschrift der Kachel. Somit war kein schlüssiger Beweis gegeben, auch war die Herkunft der Kachel völlig unbekannt“, erklärt Dörrbecker.

Eine Herstellung in Münster habe man ausgeschlossen, weil es zu dieser Zeit keine Töpfer gab. „Und in der Region fand man nur rotbrennenden Ton.“ Die Kachel sei jedoch aus heller Irdenware gefertigt. „Das Fundstück aus dem Töpferweg in Treysa ist von heller Irdenware. Und die Inschrift ist lesbar“, sagt die Keramikerin.

Als sich die Treysaerin sicher war, eben jenes Tonfragment zu besitzen, das den Schlüssel zur Inschrift liefern könnte, setzte sie sich mit dem Stadtmuseum Münster in Verbindung. Der Leiter des Museums Dr. Bernd Thier war hellauf begeistert und schrieb: „Die Übereinstimmung ist tatsächlich so, dass es sein könnte, dass die Kachel in Münster am gleichen Ort entstanden ist, wie das Fragment - und das könnte in der Tat Treysa sein.“

Durch die gut lesbare Inschrift des Fragments habe man den Text komplett auflösen können: „Lange hat es gedauert, bis die Informationen Licht und Erkenntnis ins Dunkel der Geschichte bringen konnten“, sagt Monika Dörrbecker. „Keramik ist die stabilste Hinterlassenschaft einer menschlichen Kultur und erzählt eben noch so manche Geschichte.“

• Die Treysaerin wird das Fragment und die Geschichte zum Michaelismarkt am Sonntag, 21. September, aus- und vorstellen, und zwar in den Räumen des Stadtgeschichtlichen Arbeitskreises im Hospital.

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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